
Bundeswehr verzeichnet historisches Personalwachstum – doch die Euphorie könnte trügen

Erstmals seit über einem Jahrzehnt kann das Verteidigungsministerium wieder positive Zahlen vermelden: Die Bundeswehr ist auf 184.200 aktive Soldatinnen und Soldaten angewachsen. Ein Zuwachs von rund 3.000 Uniformträgern zum Jahresende 2025, den Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) als das "beste Einstellungsergebnis seit Aussetzung der Wehrpflicht" feiert. Doch hinter den scheinbar erfreulichen Statistiken verbergen sich tiefgreifende strukturelle Probleme, die das deutsche Militär noch lange beschäftigen werden.
Die nackten Zahlen: Licht und Schatten
Mit mehr als 25.000 Neueinstellungen im vergangenen Jahr verzeichnet die Truppe ein Plus von 23 Prozent. Die Zahl der freiwillig Wehrdienstleistenden kletterte von 10.300 auf 12.200 – ein beachtlicher Anstieg von über 18 Prozent. Klingt zunächst nach einer Trendwende, nach Jahren des personellen Niedergangs. Doch wer genauer hinschaut, erkennt die Risse im Fundament dieser vermeintlichen Erfolgsgeschichte.
Das selbstgesteckte Ziel von 15.000 freiwillig Wehrdienstleistenden wurde deutlich verfehlt. Für das laufende Jahr peilt das Ministerium sogar 20.000 junge Männer und Frauen an – eine Zielmarke, die angesichts der aktuellen Entwicklung mehr als ambitioniert erscheint. Die Abbruchquote verharrt bei erschreckenden 25 Prozent. Jeder vierte Rekrut wirft also vorzeitig das Handtuch. Ein Armutszeugnis für eine Armee, die sich als attraktiver Arbeitgeber positionieren möchte.
NATO-Ziele in weiter Ferne
Die eigentliche Dimension des Problems offenbart sich beim Blick auf die strategischen Vorgaben: Bis Mitte der 2030er-Jahre soll die aktive Truppe auf 260.000 Soldaten anwachsen, ergänzt durch eine Reserve von 200.000 Mann. Von den aktuellen 184.200 Uniformträgern bis zu diesem Ziel klafft eine Lücke von fast 76.000 Soldaten. Bei dem derzeitigen Wachstumstempo würde die Bundeswehr diese Marke erst in Jahrzehnten erreichen – wenn überhaupt.
Die Zahl der Soldaten auf Zeit, jener Gruppe also, die sich für einen befristeten Zeitraum verpflichtet, sank erneut auf nunmehr 112.600. Ein besorgniserregender Trend, der zeigt, dass die Bundeswehr zwar Menschen anlocken, sie aber offenbar nicht dauerhaft halten kann. Rund 8.500 Soldaten konnten immerhin zu einer Verlängerung ihres Dienstes überredet werden – ein mageres Plus von sechs Prozent.
Der neue Wehrdienst als Hoffnungsträger?
Seit dem 1. Januar verschickt die Bundeswehr Fragebögen an alle, die in diesem Jahr volljährig werden. Rund 700.000 junge Menschen erhalten Post vom Verteidigungsministerium. Während Männer zur Beantwortung verpflichtet sind, bleibt die Teilnahme für Frauen freiwillig. Aus diesem Pool soll die dringend benötigte Reserve rekrutiert werden.
Ob diese Maßnahme tatsächlich die erhoffte Wirkung entfaltet, bleibt abzuwarten. In einer Gesellschaft, die über Jahrzehnte hinweg das Militärische marginalisiert und den Dienst an der Waffe als bestenfalls exotische Berufswahl betrachtet hat, dürfte der kulturelle Wandel Zeit brauchen. Die jahrelange Vernachlässigung der Bundeswehr durch wechselnde Regierungen rächt sich nun bitter.
Ein Fazit mit bitterem Beigeschmack
Die aktuellen Zahlen mögen für Pistorius ein Grund zur Freude sein. Doch sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland sicherheitspolitisch noch immer massiv unterinvestiert ist – personell wie materiell. In einer Welt, in der an Europas Ostflanke Krieg herrscht und die geopolitischen Spannungen zunehmen, wirkt das zaghafte Wachstum der Bundeswehr wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Zeitenwende, die Bundeskanzler Scholz einst ausrief, ist in den Kasernen noch lange nicht angekommen.












