
Atomkraft, Akkus, Pumpspeicher: Bulgarien zeigt Berlin, wie es geht!

Bulgarien will die „Batterie des Balkans“ werden und setzt dafür auf alles, was Strom erzeugt oder speichert: Solarparks, Großbatterien, Pumpspeicher und neue Atomreaktoren. Das erklärte Grigor Kalinov Porozhanov, Botschafter der Republik Bulgarien in Deutschland, am Dienstag im Interview mit einer Berliner Tageszeitung. Seine Botschaft dürfte im Berliner Regierungsviertel unbequem klingen.
Solar überholt Kohle, und die Speicher wachsen mit
Nach Angaben des Diplomaten haben die erneuerbaren Energien 2025 mit rund 8000 Megawatt installierter Leistung erstmals die Kohle im bulgarischen Strommix überholt. Vor allem die Solarenergie habe diesen Schub ausgelöst.
Noch beeindruckender ist das Tempo bei den Speichern. In den vergangenen Monaten seien Anlagen mit knapp 5800 Megawatt Leistung und mehr als 17.700 Megawattstunden Kapazität in Betrieb gegangen. Medienberichten zufolge könnten die Batterien den gesamten Strombedarf des Landes inzwischen für bis zu drei Stunden decken. Gemessen an der Größe des Landes ist das ein Spitzenwert.
Als Treiber nennt Porozhanov das Restore-Programm, das einen Teil der Investitionskosten für Speicher bezuschusst. Die Vorgaben des Aufbau- und Resilienzplans habe man damit sogar übertroffen. Bis 2030 sollen außerdem eine Milliarde Euro aus dem EU-Modernisierungsfonds in den Ausbau und die Digitalisierung des Stromnetzes fließen.
Kernkraft bleibt in Sofia gesetzt
Ein Ausstieg aus der Kernkraft ist in Sofia kein Thema. Das einzige Kernkraftwerk des Landes, Kosloduj an der Donau, liefert laut Medienberichten etwa ein Drittel des bulgarischen Stroms. Von einst sechs Blöcken laufen noch zwei. Die vier älteren wurden 2002 und 2006 im Zuge des EU-Beitritts abgeschaltet. Nun bereite Bulgarien zwei neue Reaktorblöcke mit amerikanischer Technologie vor, so der Botschafter. Fachberichten zufolge handelt es sich um Westinghouse-Reaktoren vom Typ AP1000.
Deutschland hat dagegen im April 2023 seine letzten drei Meiler vom Netz genommen, mitten in der Energiekrise. Seitdem setzt die größte Volkswirtschaft Europas vor allem auf wetterabhängige Erzeugung. Wohin das führt, zeigen Zahlen der Bundesnetzagentur: 2025 rutschte der Großhandelspreis in 573 Stunden ins Minus. Mittags gibt es Strom im Überfluss, abends wird er knapp.
Porozhanov selbst bleibt höflich. Beim Vergleich müsse man die unterschiedliche Größe der Energiesysteme beachten, Deutschland verfüge über deutlich mehr Wind- und Solarkapazität. Das Ziel sei aber dasselbe: mehr Erneuerbare, sichere Versorgung und wettbewerbsfähige Volkswirtschaften.
Der Dürresommer als Härtetest
Wie viel ein breiter Energiemix wert ist, zeigte sich im Sommer 2026. Medienberichten zufolge mussten Rumänien und Ungarn ihre Reaktoren drosseln, weil die Donau historisches Niedrigwasser führte und Kühlwasser fehlte. Bulgarien habe dagegen den eigenen Bedarf gedeckt und zugleich erhebliche Strommengen in die Nachbarländer geliefert, betont der Botschafter. Daraus leitet er seine Kernthese ab:
„Das europäische Energiesystem sollte sich nicht auf eine einzige Technologie stützen.“
Erneuerbare sollen nach seinen Worten weiter wachsen. Batterien reagieren schnell, Pumpspeicher nehmen große Energiemengen auf und stabilisieren das Netz. Die Kernkraft liefert planbaren und CO₂-armen Strom. Auch Gaskraftwerke gehören für ihn zu einem flexiblen System.
Leitungen bleiben der Engpass
Ohne Leitungen nützt der beste Mix allerdings wenig. Mit dem Projekt Greenabler soll Bulgariens Netz zusätzlich 4,5 Gigawatt Ökostrom aufnehmen können. Das gemeinsame Vorhaben Carmen mit Rumänien soll den Nordosten des Landes stärken und den Nord-Süd-Korridor ausbauen. An den Grenzen stehen schon heute rund 4400 Megawatt Übertragungskapazität zur Verfügung. Als Nächstes müssten die Engpässe zwischen Südost- und Mitteleuropa verschwinden.
Lehrstunde aus Sofia
Ein Land, das in Deutschland oft belächelt wird, macht damit vor, was „Technologieoffenheit“ in der Praxis heißt. Die Union hatte diesen Begriff im Wahlkampf gern benutzt. Ob die Regierung Merz daraus mehr macht als ein Schlagwort, ist offen. Die deutschen Stromkunden zahlen jedenfalls jeden Monat für eine Energiepolitik, die zu lange auf Ideologie statt auf Versorgungssicherheit gesetzt hat.
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