
Ausgerechnet Schröder: Ist der Putin-Freund Europas letzte Kreml-Karte?

Europa sitzt am Katzentisch, und in Moskau hört man nur noch auf einen Deutschen. In einem vielbeachteten Kommentar einer Berliner Tageszeitung fordert ein Autor jetzt, Altkanzler Gerhard Schröder offiziell als Vermittler in den Kreml zu schicken. Es ist ein Vorschlag, der in Berlin und Brüssel blankes Entsetzen auslösen dürfte. Ganz von der Hand weisen lässt er sich trotzdem nicht.
Brüssel klopft an – und niemand öffnet
Der Ausgangspunkt ist ernüchternd. Laut dem Kommentar hatte sich die EU nach dem Rückzug Washingtons aus den Gesprächen um einen eigenen Vermittler bemüht. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow habe allerdings sämtliche Kandidaten abgelehnt und die EU als „Kriegspartei“ bezeichnet.
Damit steht Europa ohne direkten Gesprächskanal da. Und nun auch noch das: Medienberichten zufolge schlägt Putin einen Dreiergipfel mit Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping in China vor. Die Ukraine wäre dabei nicht eingeladen, die EU ebenso wenig. Trump zeigte sich laut Berichten offen dafür und erklärte sogar, Russland habe sich in Bezug auf die Ukraine „korrekt verhalten“. Selenskyj verlangt inzwischen öffentlich, mit am Tisch zu sitzen.
Putins Wunschkandidat ist längst bekannt
Den Namen Schröder hat der Kremlchef selbst ins Spiel gebracht. Schon im Mai 2026 nannte Putin den Altkanzler als möglichen Vermittler, Anfang Juni empfing er ihn zu einem Vieraugengespräch im Kreml. Die Bundesregierung reagierte damals auffallend wortkarg. Am 7. Oktober soll Schröder nach Angaben des Kremls zudem Gast bei Putins 74. Geburtstag gewesen sein.
Die Bedenken liegen auf der Hand. Schröder heuerte kurz nach seinem Abschied aus dem Kanzleramt bei Gazprom-Projekten an und ist seither für russische Energiekonzerne tätig. Der Kommentator dreht das Argument jedoch um: Gerade diese Nähe sei ein Vorteil, weil Putin ihm tatsächlich zuhöre.
Vom Lehrling zum Kanzler
Der Autor erinnert außerdem an Schröders Biografie. Der Vater fiel 1944, die Mutter zog fünf Kinder als Putzfrau allein groß. Es folgten eine Lehre im Einzelhandel, die Abendschule und ein Jurastudium in Göttingen. Am Ende stand das Kanzleramt. Leistung und Aufstieg aus eigener Kraft also, wie man sie im heutigen Berliner Politikbetrieb lange suchen muss.
Eine Ukraine am Abgrund
Die Lage in der Ukraine schildert der Kommentar in düsteren Farben. Washington habe das PURL-Programm gestoppt, über das die Europäer US-Waffen für Kiew kaufen. Satellitendaten seien abgeschaltet, der Zugang zu Starlink gedrosselt worden. Nach dem schwersten russischen Raketen- und Drohnenangriff des Krieges seien alle vier verbliebenen Kraftwerke in Kiew ausgefallen, und das zu Beginn der Heizperiode.
Die Weltbank hatte die Schäden zu Jahresbeginn auf rund 586 Milliarden Dollar beziffert. Inzwischen dürfte die Summe deutlich höher liegen.
Wer zahlt die Rechnung? Natürlich Europa
Brisant ist dabei die finanzielle Dimension. Selenskyj soll in Brüssel um weitere 70 Milliarden Euro für das kommende Jahr gebeten haben, nachdem der im April bewilligte EU-Kredit über 90 Milliarden Euro laut dem Bericht bereits weitgehend aufgebraucht sei. Gleichzeitig wird in vielen europäischen Ländern gespart, und steigende Lebenshaltungskosten treiben die Menschen auf die Straße, besonders in Frankreich.
Europa zahlt also, hat aber nichts zu sagen. Aus der einstigen Front aller 27 Mitgliedstaaten wurde zuerst die „Koalition der Willigen“ und dann das Trio aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Der Kommentator hält es sogar für möglich, dass auch dieses Bündnis bald zerfällt, weil Macron im kommenden Jahr abtritt und die Regierung Merz wackelt.
Unbequem, aber vielleicht notwendig
Das Fazit des Autors ist ebenso pragmatisch wie provokant. Wer Europa wieder ins Spiel bringen wolle, müsse jemanden nach Moskau schicken. Gefalle das Ergebnis nicht, könne man es immer noch ablehnen.
Ob man das teilt oder nicht: Für die europäische Diplomatie ist es ein Armutszeugnis, dass ausgerechnet der meistgescholtene Altkanzler der Republik als letzter funktionierender Draht zum Kreml gilt. Hat Brüssel jahrelang Moral gepredigt und dabei vergessen, wie man verhandelt?

Als PDF in wenigen Sekunden per E-Mail.
- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik











