
Beben in Niedersachsen: AfD vervierfacht sich – CDU-Hochburgen wanken

Niedersachsen hat gewählt – und das Ergebnis dieser Kommunalwahl vom 13. September 2026 dürfte in Hannover, Berlin und in jeder Kreisgeschäftsstelle der Volksparteien für lange Gesichter sorgen. Die CDU bleibt zwar stärkste Kraft, doch die AfD legt landesweit zweistellig zu. In Salzgitter gewann sie die Stadtratswahl sogar direkt.
Der Landestrend: Zwei Verlierer, ein Gewinner
Nach der Hochrechnung von Infratest dimap im Auftrag des NDR kommt die Union auf rund 27,7 Prozent – ein Minus von etwa vier Punkten. Die SPD stürzt auf 24,5 Prozent und verliert damit rund 5,5 Punkte. Die Grünen rutschen auf 13,6 Prozent.
Der Gewinner heißt AfD: 16,5 Prozent, ein Zuwachs von fast zwölf Punkten – annähernd eine Vervierfachung gegenüber 2021. Auch die Linke verdoppelt sich beinahe auf 5,9 Prozent. Zwei einst dominante Volksparteien verlieren gemeinsam fast zehn Prozentpunkte. Das ist kein Ausrutscher, das ist eine Verschiebung der politischen Statik.
Salzgitter, Delmenhorst, Wolfsburg: Wo es die SPD zerreißt
In Salzgitter liegt die AfD bei einem Auszählungsstand von 98 Prozent bei gut 27 Prozent – vor der SPD (knapp 26) und der CDU (23). Sie käme damit auf 13 Ratssitze. Der dienstälteste Oberbürgermeister des Landes, Frank Klingebiel (CDU), muss am 27. September in die Stichwahl gegen die AfD-Kandidatin Patricia Mair, die im ersten Wahlgang knapp 26 Prozent holte.
In Delmenhorst fehlten der AfD mit 23,4 Prozent nur Zehntel zum Sieg über die SPD – 2021 waren es dort noch 8,3 Prozent. In Wolfsburg, der Stadt des angeschlagenen VW-Konzerns, gewann CDU-Amtsinhaber Dennis Weilmann mit 50,1 Prozent knapp im ersten Anlauf; die SPD landete bei 15,5 Prozent, die AfD dicht dahinter bei 14. In der Arbeiterstadt schlechthin ist die Sozialdemokratie zur Randnotiz geworden.
Auch das schwarze Kernland bröckelt
In Cloppenburg und Vechta fällt die CDU erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik unter 50 Prozent: 46 beziehungsweise 48 Prozent. In Cloppenburg liegt die AfD mit 20 Prozent bereits auf Rang zwei – vor der SPD.
Ausgeschlossene Kandidaten – und auffällig viele ungültige Stimmen
Brisant ist der Rahmen dieser Wahl: Nach einer Änderung des Kommunalwahlrechts prüften Wahlausschüsse erstmals vorab die Verfassungstreue von Bewerbern. Vier AfD-Kandidaten – darunter der Bundestagsabgeordnete Martin Sichert in Friesland – wurden nicht zugelassen; ihre Eilanträge scheiterten vor den Verwaltungsgerichten und dem OVG Lüneburg, die Normen seien nicht offensichtlich verfassungswidrig.
Aus Sicht unserer Redaktion ist das ein heikler Präzedenzfall: Wer über Kandidaten entscheidet, bevor der Wähler es tut, muss sich Fragen gefallen lassen. Die Wähler antworteten offenbar auf ihre Weise – im Landkreis Friesland lag der Anteil ungültiger Stimmen bei rund sechs Prozent, örtlich noch höher. Kurios auch Rinteln: Dort erzielte die AfD mehr Sitze, als sie Kandidaten aufgestellt hatte. Der Stadtrat schrumpft schlicht.
Stimmungstest mit Signalwirkung
In gut einem Jahr wählt Niedersachsen einen neuen Landtag. Eine Insa-Umfrage sieht dort die SPD bei 26, die CDU bei 22 und die AfD bei 21 Prozent. Wer diese Zahlen als Betriebsunfall abtut, hat die Botschaft nicht verstanden.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung dar.
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