
Bremsstaub-Regel aus Brüssel: Wer jetzt an Euro 7 Millionen verdient

Die EU nimmt erstmals die Bremsen ins Visier. Ab dem 29. November 2026 begrenzt die Euro-7-Norm den Feinstaub, der beim Bremsen von Bremsscheiben und -belägen abreibt. Die Autoindustrie stöhnt über neue Kosten. Der Tiroler Schleifmittelhersteller Tyrolit dagegen hat knapp 15 Millionen Euro investiert und rechnet mit einem neuen Millionengeschäft.
Was Brüssel jetzt von der Bremse verlangt
Jahrzehntelang hat sich kaum ein Regulierer für die Bremsscheibe interessiert. Das ist vorbei. Euro 7 gilt zunächst für neue Fahrzeugtypen und ein Jahr später für alle neu zugelassenen Pkw (Klasse M1) und leichten Nutzfahrzeuge (Klasse N1).
Der Grenzwert liegt Medienberichten zufolge bei 7 Milligramm Partikel pro Kilometer, ab 2035 soll er auf 3 Milligramm sinken. Wie ehrgeizig das ist, zeigen Messungen des ADAC: Je nach Bremse ermittelten die Tester zwischen 5 und 20 Milligramm. Der Club forderte damals, die Hersteller sollten Mehrkosten möglichst nicht an die Autokäufer weitergeben. Ob das klappt? Man darf skeptisch sein.
Harte Schicht, harte Arbeit
Weniger Abrieb gibt es nur mit verschleißfesteren Oberflächen. Deshalb bekommen Bremsscheiben extrem harte Beschichtungen. Die klassische Graugussscheibe wurde in Europa meist gedreht. Hartstoffbeschichtete Scheiben müssen dagegen hochpräzise geschliffen werden, und zwar im Mikrometerbereich.
Genau hier setzt Tyrolit an. Schon 2019 seien erste Autohersteller mit konkreten Anforderungen an das Unternehmen herangetreten, also lange bevor Euro 7 politisch beschlossen war. Gemeinsam mit Maschinenbauern, Beschichtern und Forschungspartnern entwickelten die Tiroler ein Schleifsystem. Ein Detail ist besonders: Die Werkzeuge müssen nicht regelmäßig abgerichtet werden, weil die harte Beschichtung sie während der Bearbeitung selbst schärft.
Die Rechnung aus Schwaz
Daniel Herzog, Industry Group Manager Automotive bei Tyrolit, hat das Marktpotenzial grob überschlagen:
- rund 12 Millionen Neuzulassungen von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen pro Jahr in der EU
- im Schnitt zwei beschichtete Scheiben je Fahrzeug, also etwa 24 Millionen Bauteile jährlich
- Zielkosten der Industrie von unter zwei Euro Schleifkosten je Scheibe
- daraus ergibt sich ein theoretisches Marktvolumen von 30 bis 40 Millionen Euro pro Jahr
Tyrolit selbst will davon mittelfristig mehr als zehn Millionen Euro Jahresumsatz holen. Leicht wird das nicht, denn europäische und japanische Wettbewerber wollen ebenfalls ein Stück abhaben.
Eine 15-Millionen-Wette vor dem Startschuss
Schon 2023 beschloss das Unternehmen, sein Werk 5 in Stans auszubauen. Dazu kamen rund 1.700 Quadratmeter Produktionsfläche, neue Dreh- und Fräszentren und teils automatisierte Pressen. Ende 2024 waren die wichtigsten Schritte erledigt. Werksleiter Mario Nairz betont, dass sich die Investition auch anders nutzen lässt:
„Die neuen Anlagen sind nicht ausschließlich auf Euro-7-Werkzeuge ausgelegt, sondern erweitern zugleich das bestehende Sortiment."
Das ist unternehmerisch klug. Wer sich auf Brüsseler Zeitpläne verlässt, braucht einen Plan B. Herzog erwartet, dass die Stückzahlen bei den Kunden 2027 deutlich steigen. Wer bei der Erstausstattung der Schleifmaschinen dabei ist, dürfte im Seriengeschäft kaum noch zu verdrängen sein.
Gewinner, Verlierer und ein Blick nach China
Beim Unternehmen sieht man nach eigener Darstellung auch etwas Positives: Euro 7 verursache zwar Aufwand und Kosten, zwinge aber Beschichter, Maschinenbauer, Werkzeughersteller, Forscher und Autobauer zu engerer Zusammenarbeit. Weiteres Potenzial könnte China bieten, wo ähnliche Vorgaben diskutiert werden. Tyrolit hat dort eigene Vertriebs- und Technikstrukturen.
Trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack. Dass ein Mittelständler aus einer EU-Vorschrift ein Geschäft macht, verdient Respekt. Bezahlen müssen die neue Technik am Ende aber die Autokäufer, denen Brüssel schon jetzt reichlich Auflagen beschert hat. Für viele deutsche Familien wird ein neues Auto damit noch ein Stück teurer.
- Themen:
- #Energie
- Kettner Edelmetalle News
- Finanzen
- Wirtschaft
- Politik

















