
BSW im Zerreißprobe-Modus: Wolf geht auf Wagenknecht los

Es ist ein offener Bruch mitten in der Partei, die den Namen ihrer Gründerin trägt. Thüringens BSW-Co-Chefin und Finanzministerin Katja Wolf wirft Sahra Wagenknecht in einem Interview mit der „Zeit“ vor, mit ihrer Annäherung an die AfD „eine Grenze überschritten“ zu haben. Am Freitag stimmt der Thüringer Landtag über ein von der AfD beantragtes Misstrauensvotum gegen Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) ab.
Die Frau, die ihren eigenen Laden warnt
Wolf hält an der sogenannten Brombeer-Koalition aus CDU, BSW und SPD fest — und an Voigt. Wagenknecht hingegen fordert den Ausstieg und eine Expertenregierung. Wolfs Deutung dieses Kurses ist wenig schmeichelhaft für die Namensgeberin: Diese kämpfe „verzweifelt um Sichtbarkeit“, seit das BSW den Einzug in den Bundestag im Februar 2025 hauchdünn verpasst habe.
Noch schärfer wird sie mit Blick auf Sachsen-Anhalt, wo am 6. September gewählt wird. Sollte das BSW dort dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund durch Enthaltung ins Amt verhelfen, wäre das nach Wolfs Worten ein „absoluter Tabubruch“.
„Ich warne davor, dass meine Partei der AfD leichtfertig zur Macht verhilft.“
Doktortitel weg — für Wolf nur eine „Kampagne“
Heikel wird es bei Voigts verlorenem Doktorgrad. Die TU Chemnitz hatte im Januar 2026 die Aberkennung bekanntgegeben, den Widerspruch des Regierungschefs wies sie im August ab. Voigt hat Medienberichten zufolge Klage beim Verwaltungsgericht Chemnitz eingereicht — juristisch ist das letzte Wort also nicht gesprochen.
Wolf spricht dennoch von einem „Täuschungsmanöver“ und einer Kampagne. Das Plagiatsgutachten sei von der AfD-Fraktion im Landtag bezahlt worden, sagt sie. Dass die Universität die Arbeit selbst geprüft und die Philosophische Fakultät einstimmig festgestellt haben soll, dass sie wissenschaftlichen Standards nicht genüge, erwähnt sie in dem Interview nicht. Ein zuvor extern beauftragtes Gutachten hatte demnach keine Grundlage für einen Entzug gesehen.
Wenn Machtarithmetik über Prinzipien siegt
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart dieser Streit das Kernproblem des BSW: Angetreten als Protestpartei gegen das Berliner Establishment, sitzt man in Erfurt selbst am Kabinettstisch — und verteidigt ihn mit Zähnen und Klauen. Wer den Bürgern politische Hygiene predigt, wird an den eigenen Maßstäben gemessen. Für viele Wähler dürfte genau das der wunde Punkt sein.
Freitag wird es eng
Die Rechnung im Landtag ist knapp. Zwei BSW-Abgeordnete, Anke Wirsing und Sven Küntzel, wollen Voigt nach eigenen Angaben nicht mehr mittragen, gehören aber weiter zur Regierungsmehrheit. Ein Sonderparteitag soll zudem entscheiden, ob das BSW die Koalition verlässt. Wolf gibt sich zuversichtlich, ihre Mitglieder überzeugen zu können — ein Regierungsausstieg würde ihrer Ansicht nach die Stabilität gefährden und ausgerechnet der AfD nützen.
Der Konflikt strahlt längst aus: Der Berliner BSW-Spitzenkandidat Alexander King wurde wegen der AfD-Vorstöße von einer Diskussionsrunde der Gewerkschaft ver.di ausgeladen. Am 20. September wählen zudem Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.
Fazit: Eine Partei, die im dritten Jahr ihres Bestehens öffentlich über ihre eigene Existenzberechtigung streitet, während die Ost-Wähler auf Antworten zu Wirtschaft, Energiepreisen und innerer Sicherheit warten — politisch riskanter geht es kaum.

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