
Bundeswehr meldet Rekord-Einstellungen – doch die Nato-Ziele bleiben ein ferner Traum

Die Bundeswehr verzeichnet erstmals seit Jahren ein deutliches Personalwachstum. Mit 184.200 aktiven Soldatinnen und Soldaten erreicht die Truppe einen Stand, den sie seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen hat. Verteidigungsminister Boris Pistorius spricht euphorisch vom "besten Einstellungsergebnis seit Aussetzung der Wehrpflicht". Doch hinter den vermeintlich glänzenden Zahlen verbirgt sich eine unbequeme Wahrheit: Deutschland ist von seinen Verteidigungszielen noch meilenweit entfernt.
Ein Lichtblick nach Jahren der Stagnation
Die nackten Zahlen sprechen zunächst eine positive Sprache. Zum Stichtag 31. Dezember 2025 dienten rund 3.000 Soldaten mehr in der aktiven Truppe als im Vorjahr. Mehr als 25.000 Männer und Frauen wurden im vergangenen Jahr neu eingestellt – ein Plus von beachtlichen 23 Prozent. Die Zahl der freiwillig Wehrdienstleistenden stieg von 10.300 auf 12.200, was einem Zuwachs von über 18 Prozent entspricht.
Pistorius interpretiert diese Entwicklung als Vertrauensbeweis der jungen Generation. Die Bereitschaft, sich für die äußere Sicherheit Deutschlands einzusetzen, steige merklich, so der Minister. Man darf sich allerdings fragen, ob dieser Optimismus nicht etwas voreilig ist – schließlich verfehlte die Bundeswehr ihr selbstgestecktes Ziel von 15.000 freiwillig Wehrdienstleistenden deutlich.
Die Schattenseiten des vermeintlichen Erfolgs
Während das Verteidigungsministerium die Erfolgsmeldungen verbreitet, offenbaren die Details ein weniger rosiges Bild. Die Abbruchquote liegt weiterhin bei erschreckenden 25 Prozent. Jeder vierte neu eingestellte Soldat verlässt die Truppe also vorzeitig wieder. Das Ministerium spricht von "transparenterem Erwartungsmanagement" und "sinnstiftender Ausbildung" als Gegenmaßnahmen – bürokratische Worthülsen, die kaum über das strukturelle Problem hinwegtäuschen können.
Besonders besorgniserregend: Die Zahl der Soldaten auf Zeit sank erneut auf nunmehr 112.600. Die Wehrbeauftragte warnte bereits mehrfach vor einer drohenden Überalterung der Streitkräfte. Wenn die Bundeswehr zu stark auf die Verlängerung bestehender Dienstverhältnisse setzt, statt junge Kräfte nachhaltig zu binden, droht langfristig ein demografisches Desaster.
Nato-Ziele: Der weite Weg zur Verteidigungsfähigkeit
Die eigentliche Dimension des Problems wird erst deutlich, wenn man die aktuellen Zahlen mit den Nato-Anforderungen vergleicht. Bis Mitte der 2030er Jahre soll die aktive Truppe auf 260.000 Soldaten anwachsen. Hinzu kommen 200.000 Reservisten, die für die Landesverteidigung bereitstehen sollen. Von den heutigen 184.200 aktiven Soldaten bis zu diesem Ziel klafft eine Lücke von über 75.000 Mann – und das bei einer Abbruchquote von einem Viertel.
Das Verteidigungsministerium selbst räumt ein, dass sich aus der sicherheitspolitischen Lage und den Nato-Verteidigungsplänen ein "erheblicher Bedarf" an Personal, Material und Infrastruktur ergebe. Nur wenn dies gelinge, könne Deutschland seinen Beitrag zu Abschreckung und Verteidigung leisten.
Die Zeitenwende bleibt eine Baustelle
Die viel beschworene Zeitenwende, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ausgerufen wurde, erweist sich in der Praxis als zäher Prozess. Jahrelang hatte die Bundeswehr trotz aufwendiger Werbekampagnen mit sinkenden oder stagnierenden Personalzahlen zu kämpfen. Noch 2024 schrumpfte die Truppe auf rund 181.150 Soldaten – trotz gestiegener Einstellungszahlen.
Die neue Große Koalition unter Bundeskanzler Friedrich Merz steht vor der gewaltigen Aufgabe, die Bundeswehr nicht nur personell, sondern auch materiell auf Vordermann zu bringen. Das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen für Infrastruktur wird auch hier dringend benötigte Mittel verschlingen. Ob die ambitionierten Nato-Ziele jemals erreicht werden, bleibt angesichts der strukturellen Probleme mehr als fraglich. Die Bundeswehr mag gewachsen sein – aber von einer echten Verteidigungsfähigkeit ist Deutschland noch weit entfernt.












