
Bunte Vögel für eine sterbende Währung: Die EZB verschönert den Euro, während er verschwindet

Man kennt das aus dem echten Leben: Wenn ein Patient nicht mehr zu retten ist, kümmert man sich wenigstens noch um ein hübsches Erscheinungsbild. Genau nach diesem Prinzip verfährt offenbar die Europäische Zentralbank. Während die Bürger im Euroraum für ihren wöchentlichen Einkauf inzwischen bis zu 35 Prozent mehr auf den Tresen legen müssen als noch vor einem Jahrzehnt, dürfen sie nun immerhin über eine Sache mitbestimmen: das künftige Aussehen jener Scheine, die immer weniger wert sind. Bis zum 21. September lässt die EZB abstimmen. Wie großzügig.
Natur oder Kultur – Hauptsache, keiner schaut zur Kasse
Zur Auswahl stehen zwei Themenwelten. Die einen dürfen sich für „Flüsse und Vögel“ entscheiden, die anderen für „Europäische Kultur“. Eine schwierige Wahl, gewiss. Doch am Ende läuft beides auf dasselbe hinaus: eine Ablenkung. Denn während man sich über Eisvögel und Bienenfresser den Kopf zerbricht, verliert das Papier in der Geldbörse weiter an Kaufkraft. Vielleicht ist das ja der eigentliche Sinn der Übung.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte, es sei „an der Zeit“, die Banknoten moderner und attraktiver zu gestalten. Nun, das ist in gewisser Weise konsequent. Wenn das Geld schon an Substanz verliert, soll es wenigstens optisch etwas hermachen. Bezahlen? Von gestern. Ab sofort wird kuratiert.
Ein artenreicher Lebensraum namens Euro
Beim Naturthema flattert künftig ein Mauerläufer über den Fünfer, ein Eisvogel ziert den Zehner, und über den Zwanziger schwirrt ein ganzer Schwarm Bienenfresser. Spätestens beim Basstölpel auf dem 200-Euro-Schein drängt sich die bittere Erkenntnis auf: Der Euro entwickelt sich zum artenreichsten Biotop des Kontinents – ausgerechnet in dem Moment, in dem er als verlässliches Zahlungsmittel vom Aussterben bedroht ist.
Und die Rückseiten? Die sollen den – wie es heißt – demokratischsten Institutionen gewidmet werden: dem EU-Parlament, dem Europäischen Gerichtshof, womöglich sogar der EZB selbst. Man muss der Ironie ihren Tribut zollen: Die Institutionen, die über unser Geld wachen, prangen künftig genau auf jenem Geld, dessen Wert unter ihrer Aufsicht dahinschmilzt.
Der Euro wird also nicht abgeschafft. Er wird einfach nur schöner – während man ihn sich immer weniger leisten kann.
Große Namen aus einer Zeit, in der Geld noch funktionierte
Wählt man hingegen die „Europäische Kultur“, so blicken einem bald Beethoven, Leonardo da Vinci oder Maria Callas entgegen. Beeindruckende Persönlichkeiten – allesamt jedoch aus einer Epoche, in der Geld noch etwas galt. Ein feiner Wink des Schicksals, der wohl kaum beabsichtigt war.
Am treffendsten war ohnehin der Spott aus der Politik selbst. Ein fraktionsloser Abgeordneter regte an, verschweißte Plastikdeckel abzubilden – als Denkmal europäischer Regulierungskunst – sowie einen blauen Tausend-Trillionen-Schein. Ein Vorschlag, der Inflation und Gestaltung immerhin ehrlich zusammendächte. Im Netz kursierten noch drastischere Ideen: Überwachungskameras, Handschellen, Gefängnisgitter. Motive, die die Wirklichkeit vieler Menschen präziser abbilden dürften als jeder freundlich dreinblickende Eisvogel.
Was bleibt, wenn das Papier nichts mehr wert ist?
Die vielleicht entlarvendste Nachricht am Rande: Die EZB setzt bei den neuen Scheinen ausdrücklich auf Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit. Ein beruhigender Gedanke. Wenn man die Banknoten bald ohnehin entsorgen muss, weil sie ihren Wert verloren haben, dann wenigstens im Einklang mit der Natur.
Doch hinter der Glosse verbirgt sich eine ernste Wahrheit, die man nicht wegkuratieren kann: Papiergeld ist und bleibt ein Versprechen – und dieses Versprechen ist nur so viel wert wie das Vertrauen in jene, die es geben. Wer sein hart erarbeitetes Vermögen einer Institution anvertraut, die lieber über Vogelmotive diskutiert als über Preisstabilität, sollte sich fragen, ob es nicht klügere Formen der Wertaufbewahrung gibt. Physisches Gold und Silber kennen keine Neugestaltung, keine bunten Motive und keinen schleichenden Kaufkraftverlust durch die Notenpresse. Ein Goldbarren war schon vor tausend Jahren ein Wert – und wird es auch dann noch sein, wenn der letzte Basstölpel vom Zwanziger geflattert ist.
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