
Chatkontrolle-Skandal: Private EU-Chats landen in Palantir-Software!

Was Europas Bürger über Dienste von Google, Microsoft, Meta oder Snap verschicken, kann am Ende im Analysesystem des US-Datenkonzerns Palantir landen. Das geht aus einer Recherche der schwedischen Zeitung Dagens ETC hervor. Die US-Kinderschutzorganisation NCMEC hat die Verbindung inzwischen bestätigt.
Der lange Weg einer Chatnachricht
Der Ablauf ist schnell erklärt. Seit 2021 erlaubt eine befristete EU-Ausnahmeregelung den Tech-Konzernen, private Bilder und Videos automatisch nach Darstellungen von Kindesmissbrauch zu durchsuchen. Schlägt der Algorithmus an, schreibt das US-Recht vor, den Verdachtsfall an das National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC) zu melden. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Nutzer in Ohio oder in Oldenburg sitzt.
Nach Angaben von NCMEC-Vizepräsident John Shehan laufen dort sämtliche Meldungen der sogenannten CyberTipline über die Plattform Foundry von Palantir. Der Konzern habe die Software gespendet. Sie laufe auf eigenen Servern, und Palantir habe keinen Zugriff auf die Daten, versichert die Organisation. Wie viele Meldungen aus der EU stammen, wisse man nicht genau. Laut EU-Kommission betrafen 2024 knapp eine Million Meldungen die Union.
Die Abgeordneten wussten nichts davon
Brisant ist vor allem eines: Laut der Recherche wusste keiner der befragten EU-Abgeordneten oder Experten von Palantirs Rolle. Dabei arbeiten Palantir und NCMEC nach Angaben des Konzerns schon seit 2010 zusammen. Der deutsche EU-Abgeordnete Lukas Sieper stimmte gegen die Verlängerung der Regelung. Er nannte Palantir „George Orwells schlimmsten Albtraum“.
Eigentlich war die Chatkontrolle im April 2026 ausgelaufen. Zwei Anläufe zur Verlängerung scheiterten im Parlament. Am 9. Juli kam sie trotzdem zurück. Medienberichten zufolge stimmten 314 Abgeordnete dagegen und nur 276 dafür. Um die Regelung zu stoppen, wären aber 361 Stimmen nötig gewesen, also die absolute Mehrheit. Jetzt gilt sie bis zum 3. April 2028. Kritiker sprechen von einem Verfahrenstrick.
Fehlalarm als Normalfall
Auch die Treffsicherheit der Scanner wirft Fragen auf. Nach Angaben des Bundeskriminalamts waren 2024 48,3 Prozent der eingehenden Berichte strafrechtlich irrelevant. Fast jede zweite Meldung war also ein Fehlalarm. Dahinter können ganz harmlose Familienfotos stecken.
Die EU-Kommission spricht von einem falschen Treffer auf 50 Milliarden. Der belgische Sicherheitsexperte Bart Preneel, früher Berater der Kommission, nannte diese Zahl eine „Lüge“. In seinen eigenen Tests habe er Fehlerquoten zwischen 1:1.000 und 1:10 gemessen.
Rechtlich auf dünnem Eis
Auch beim Datenschutz ist die Weitergabe umstritten. NCMEC steht nicht auf der Liste der zugelassenen US-Empfänger für personenbezogene Daten aus der EU und arbeitet mit Sonderverträgen. Die Datenschutzexpertin Laura Drechsler und der frühere EU-Abgeordnete Patrick Breyer halten das für rechtlich fragwürdig. Mit der Datenschutz-Grundverordnung macht die EU dem Mittelstand das Leben schwer. Hier dagegen scheint Brüssel sehr großzügig zu sein.
Der Fall Kurz
Auch der frühere österreichische Kanzler Sebastian Kurz taucht in der Geschichte auf. Nach seinem Abschied aus der Politik 2021 arbeitete er zunächst für Thiel Capital. Die Firma gehört Palantir-Mitgründer Peter Thiel. Heute bewirbt Kurz sein Start-up Dream Security als „europäische Alternative“ zu Palantir. Zu den Mitgründern gehört Shalev Hulio, der aus der umstrittenen Spähsoftware-Firma NSO Group stammt.
Berichten zufolge wurde Dream 2026 mit rund drei Milliarden Dollar bewertet und will nach Deutschland expandieren. Kurz hält nach eigenen Angaben etwa 15 Prozent. Eine Rückkehr in die Politik schließt er nicht aus. Anfang Oktober sagte er in einem Interview: „Ich bin erst 40 und habe noch viele Jahre vor mir.“
Fazit: Privatsphäre wird zum Luxusgut
Die Lehre ist bitter. Wer digital kommuniziert, verliert die Kontrolle über seine Daten. Wo sie landen, erfährt er oft erst Jahre später, und das nur dank investigativer Recherche. Diskretion wird im Digitalen immer seltener. Physisches Gold und Silber gehören zu den wenigen Werten, die ohne Server, Algorithmus und Datenspur auskommen. Als Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen können sie ein Stück Unabhängigkeit sichern.
Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung. Er gibt unsere eigene Meinung und die uns vorliegenden Informationen wieder. Jeder Leser sollte selbst recherchieren und ist für seine Anlageentscheidungen selbst verantwortlich.
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