
Chipkrise 2.0: Deutsche Industrie erneut im Würgegriff der Halbleiter-Knappheit
Man könnte meinen, die deutsche Industrie hätte aus der verheerenden Chipkrise der Jahre 2021 und 2022 ihre Lehren gezogen. Doch weit gefehlt. Wie ein Déjà-vu der schlimmsten Sorte rollt eine neue Welle der Halbleiter-Knappheit über den Industriestandort Deutschland hinweg – und diesmal könnte es noch schmerzhafter werden.
Lieferzeiten explodieren, Preise vervielfachen sich
Die Zahlen sprechen eine erschreckend deutliche Sprache. Wo einst acht Wochen Lieferzeit als Standard galten, warten Unternehmen bei manchen Produkten mittlerweile 50 Wochen auf ihre Bestellungen. Das berichtete Noureddine Seddiki, Geschäftsführer des Frankfurter Elektronikbrokers „Sand and Silicon". Schlimmer noch: Einige Halbleiterhersteller hätten die Aufnahme von Neukunden komplett eingestellt. Wer nicht bereits in der Lieferkette verankert ist, steht vor verschlossenen Türen.
Und die Produzenten? Die nutzen die Gunst der Stunde schamlos aus. Laut Tanjeff Schadt, Halbleiterexperte der Beratungsgesellschaft „Strategy&", hätten für die deutsche Industrie wichtige Chiplieferanten in den vergangenen Wochen erneut Preiserhöhungen und verschärfte Lieferbedingungen angekündigt. Besonders drastisch trifft es den Markt für Speicherchips: Abnehmer seien gezwungen, das Drei- bis Vierfache des Herbstpreises zu bezahlen – sofern sie überhaupt noch Ware erhalten könnten.
Künstliche Intelligenz als Treiber der Knappheit
Der Auslöser dieser neuen Krise trägt einen Namen, der in aller Munde ist: Künstliche Intelligenz. Bo Lybaek, Chef des dänischen Elektronikfertigers GPV, identifizierte die enorme Nachfrage durch KI-Anwendungen und den massiven Ausbau von Rechenzentren als Hauptursache der Engpässe. Während die großen Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley Milliarden in ihre KI-Infrastruktur pumpen, bleiben für die traditionelle Industrie – und damit für das Rückgrat der deutschen Wirtschaft – schlicht zu wenige Chips übrig.
Es ist eine bittere Ironie: Deutschland, das sich so gerne als Hochtechnologiestandort inszeniert, hat es über Jahrzehnte versäumt, eine eigene leistungsfähige Halbleiterproduktion aufzubauen. Stattdessen wurde Milliarden in ideologisch getriebene Projekte gesteckt, während die strategische Abhängigkeit von asiatischen und amerikanischen Chipfertigern immer größer wurde.
Keine schnelle Besserung in Sicht
Wer auf eine baldige Entspannung hofft, wird enttäuscht. Peter Fintl, Halbleiterspezialist der Technologieberatung Capgemini, warnte eindringlich vor einer langanhaltenden Mangelsituation. Die Chipproduktion lasse sich kurzfristig kaum steigern. Die Lieferketten seien derart komplex, dass es mitunter auf einzelne Anbieter ankomme, die ihre Kapazitäten nur langsam erweitern könnten – oder schlicht nicht wollten.
Für die ohnehin angeschlagene deutsche Industrie kommt diese Krise zur denkbar ungünstigsten Zeit. Die Automobilbranche, der Maschinenbau, die Medizintechnik – sie alle sind auf eine zuverlässige Chipversorgung angewiesen. Doch statt strategischer Weitsicht dominierte in den vergangenen Jahren politische Kurzsichtigkeit. Während andere Nationen wie die USA mit dem CHIPS Act oder Taiwan mit massiven Investitionen ihre Halbleiterindustrie stärkten, verlor sich die deutsche Politik in Gender-Debatten und Klimazielen, die zwar moralisch erhaben klingen mögen, aber keinen einzigen Transistor produzieren.
Ein Weckruf, der verhallen wird?
Die neue Chipkrise ist mehr als nur ein temporäres Lieferproblem. Sie ist ein Symptom eines tiefgreifenden strukturellen Versagens der deutschen Industriepolitik. Unter der neuen Großen Koalition von CDU/CSU und SPD bleibt abzuwarten, ob Bundeskanzler Friedrich Merz die richtigen Prioritäten setzt. Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur wäre eine Gelegenheit, auch in die technologische Souveränität Deutschlands zu investieren. Doch angesichts der bisherigen Erfahrungen mit politischen Großprojekten in diesem Land – man denke nur an den BER oder die Digitalisierung der Verwaltung – darf man skeptisch sein.
Eines steht fest: Solange Deutschland seine industrielle Basis nicht besser absichert und sich aus der gefährlichen Abhängigkeit von wenigen globalen Chipfertigern befreit, wird jede neue Nachfragewelle zur existenziellen Bedrohung für den Wirtschaftsstandort. Die Frage ist nicht mehr, ob die nächste Krise kommt – sondern nur noch, wann.

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