
Die gefährliche Illusion der Techno-Utopie: Wenn Fortschritt zum Ersatzgott wird

In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz, Biotechnologie und autonome Systeme das menschliche Dasein in atemberaubendem Tempo umgestalten, stellt sich eine Frage, die kaum jemand zu stellen wagt: Was opfern wir eigentlich auf dem Altar des technologischen Fortschritts? Ein vielbeachteter Essay des Tech-Unternehmers Peter Thiel und des Autors Sam Wolfe liefert darauf eine Antwort, die aufrüttelt – und die gerade in Deutschland, wo man sich mit ideologischer Inbrunst jeder vermeintlich progressiven Verheißung hingibt, besondere Beachtung verdient.
Francis Bacons vergiftetes Erbe
Thiel und Wolfe nehmen in ihrem Essay „Voyages to the End of the World", erschienen im renommierten Magazin First Things, das unvollendete Werk „New Atlantis" des Philosophen Francis Bacon aus dem 17. Jahrhundert als Ausgangspunkt für eine tiefgreifende Analyse. Bacon entwarf darin die fiktive Inselgesellschaft Bensalem – ein scheinbar harmonisches, frommes und wohlwollendes Gemeinwesen, dessen zentrale Institution, das „Haus Salomons", der systematischen Erforschung der Natur zum Wohle der Menschheit gewidmet sei.
Auf den ersten Blick wirke Bensalem wie ein Paradies der Vernunft. Doch genau hier liege die Falle, argumentieren die Autoren. Denn hinter der christlich anmutenden Fassade verberge sich eine radikale Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Mensch, Natur und Gott. Bacons wahres Ziel sei nicht bloß die Förderung der Wissenschaft gewesen, sondern die Ersetzung des klassisch-christlichen Verständnisses menschlicher Grenzen durch ein Projekt totaler technologischer Beherrschung.
Wenn Technik zur Theologie wird
Die zentrale These des Essays ist so einfach wie erschütternd: Der moderne Glaube an den wissenschaftlichen Fortschritt habe die Erlösung – einst ein göttliches Geschenk, das die Geschichte transzendiert – in eine menschengemachte Leistung umdefiniert. Sicherheit, Heilung, Überfluss, ja sogar eine Form der Unsterblichkeit – all das, was einst die Religion versprach, werde nun von der Technologie in Aussicht gestellt. Gott bleibe zwar symbolisch präsent, doch zunehmend nur noch als dekorativer Garant menschlichen Fortschritts, nicht mehr als letzter Richter menschlichen Handelns.
Man muss kein Theologe sein, um die Brisanz dieser Verschiebung zu erkennen. Wer heute die euphorischen Reden politischer und wirtschaftlicher Führungsfiguren verfolgt – ob in Silicon Valley oder in den Berliner Ministerien –, der hört exakt jene utopischen Verheißungen, vor denen Thiel und Wolfe warnen. Innovation werde soziale Konflikte lösen, Umweltzerstörung beenden und sogar moralische Meinungsverschiedenheiten überwinden. Eine Welt, regiert von Wissen statt Tugend, von Technik statt Tradition.
Die deutsche Variante des Techno-Utopismus
Besonders in Deutschland lässt sich diese Dynamik in ihrer ganzen Absurdität beobachten. Eine politische Klasse, die mit geradezu religiösem Eifer an die Allmacht der „Transformation" glaubt – sei es die Energiewende, die Digitalisierung oder die gesellschaftliche Umgestaltung –, hat längst jedes Gespür für die geistigen und moralischen Kosten ihres Tuns verloren. Das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen der neuen Bundesregierung, das Generationen in die Schuldknechtschaft treiben wird, ist nur das jüngste Beispiel für einen Fortschrittsglauben, der sich selbst genügt und keine Rechenschaft mehr ablegen will.
Thiel und Wolfe bringen es auf den Punkt: Technologische Macht wachse weitaus schneller als moralische Weisheit. Der Glaube, dass jedes Problem eine technische Lösung habe, mache Gesellschaften blind für Fragen nach Sinn, Verantwortung und Maß. Je mehr die Menschheit auf Systeme vertraue, die sie nur teilweise verstehe – künstliche Intelligenz, Biotechnologie und dergleichen –, desto größer werde das Risiko, Kräften unterworfen zu werden, die sie weder vollständig kontrollieren noch moralisch rechtfertigen könne.
Biblischer Analphabetismus als Einfallstor
Eine der beunruhigendsten Schlussfolgerungen des Essays betrifft die kulturellen Voraussetzungen, die diese Entwicklung ermöglichen. Die weitverbreitete biblische und philosophische Unbildung lasse die zeitgenössische Gesellschaft unfähig werden, die spirituellen Dimensionen technologischer Ambitionen überhaupt noch zu erkennen. Apokalyptische Sprache, einst zentral für die westliche moralische Vorstellungskraft, werde heute als Aberglaube abgetan.
Doch ohne dieses Vokabular, so die Autoren, verliere man ein entscheidendes Werkzeug, um echten Fortschritt von falscher Erlösung zu unterscheiden. Das Ergebnis sei nicht etwa rationale Klarheit, sondern Naivität – eine Bereitschaft, weitreichende Versprechen von Sicherheit und Effizienz zu akzeptieren, ohne zu fragen, was dafür geopfert werde.
Wer die Erosion traditioneller Werte in den westlichen Gesellschaften beobachtet – den Verfall der Familie, die Auflösung gewachsener Gemeinschaften, die Entwurzelung des Einzelnen in einer zunehmend atomisierten Welt –, der erkennt in Thiel und Wolfes Analyse ein vertrautes Muster. Die technologische Zivilisation hat nicht nur neue Werkzeuge geschaffen, sie hat die menschlichen Erwartungen an die Zukunft fundamental umgeformt. Und dort, wo Theologie durch Technik ersetzt wird, entsteht kein aufgeklärtes Paradies, sondern eine geistige Wüste.
Die größte Gefahr ist nicht die Katastrophe – sondern der Erfolg
Der vielleicht provokanteste Gedanke des Essays lautet: Die größte Bedrohung für die technologische Zivilisation sei nicht ihr Scheitern, sondern ihr Gelingen. Eine technokratisch verwaltete Welt, so effizient und sicher, dass sie nicht mehr wisse, warum und wofür sie existiere – das sei das eigentliche Schreckensszenario. Nicht die Tyrannei in ihrer gröbsten Form, sondern etwas weitaus Verführerischeres: eine Welt, die ihre eigene geistige Verarmung nicht mehr wahrnehme.
Die Zukunft, die wir bauen, sollte nicht bloß technisch sein. Sie sollte auch moralisch, spirituell und letztlich auf das Schicksal der menschlichen Seele bezogen sein.
Thiel und Wolfe plädieren wohlgemerkt nicht für einen Rückzug aus der modernen Welt oder eine Ablehnung wissenschaftlicher Forschung. Ihr Argument sei eines der Unterscheidung. Technologischer Fortschritt müsse wieder in einen moralischen Rahmen eingebettet werden, der die natürlichen Grenzen menschlicher Macht anerkenne. Ohne einen solchen Rahmen werde Fortschritt selbstreferentiell und Macht zum Selbstzweck.
Ein Weckruf für den Westen
In einer Epoche, in der politische Eliten – von Washington über Brüssel bis Berlin – technologische Lösungen für sämtliche Menschheitsprobleme versprechen, wirkt dieser Essay wie ein dringend benötigter Weckruf. Gerade Deutschland, das sich in den vergangenen Jahren mit ideologisch aufgeladenen Großprojekten von der Energiewende bis zur Gesellschaftstransformation regelrecht überschlagen hat, täte gut daran, innezuhalten und die Frage zu stellen, die Thiel und Wolfe aufwerfen: Dient der Fortschritt noch dem Menschen – oder hat sich der Mensch längst dem Fortschritt unterworfen?
Die Antwort darauf könnte unbequemer ausfallen, als es den Architekten der schönen neuen Welt lieb ist. Denn wer traditionelle Werte, religiöse Überlieferung und die Demut vor dem, was größer ist als der Mensch, als Ballast über Bord wirft, der steuert nicht in eine leuchtende Zukunft – sondern in eine Leere, die kein Algorithmus der Welt zu füllen vermag.

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