
Ein Satz, der ganz Europa entlarvt: Wenn Fußball zur Identitätsdebatte wird
Es sind manchmal nur wenige Worte, die eine ganze politische Weltanschauung offenlegen. Und es sind ebenso wenige Worte, die eine ganze Empörungsmaschinerie in Gang setzen. Der frühere spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy hat mit einer einzigen Bemerkung genau das geschafft – kurz vor dem WM-Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich in Dallas.
Ein Lob, das keines war
In einem Beitrag für die konservative Zeitung „El Debate“ attestierte der 71-jährige Rajoy der französischen Auswahl einen Kader auf allerhöchstem Niveau. Doch dann folgte jener Nachsatz, der die Gemüter erhitzen sollte: nämlich „ohne französische Spieler“. Ein Satz, so trocken wie eine spanische Hochebene im Hochsommer – und ebenso zündend.
Die Reaktionen kamen postwendend und mit der ganzen Wucht, die man von der professionellen Empörungsindustrie mittlerweile gewohnt ist. Der französische Fußballverbandspräsident Philippe Diallo warf Rajoy „unerträglichen Rassismus“ vor. Die Spieler der Grande Nation, so Diallo auf der Plattform X, benötigten von einem ehemaligen spanischen Regierungschef gewiss keine „Staatsbürgerschaftsurkunden“. Auch Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez schaltete sich ein und bezeichnete die Äußerung als „absolut inakzeptabel“ – sie entspreche nicht den Werten Frankreichs.
Wenn Politiker den Fußball kapern
Besonders bemerkenswert: Ausgerechnet Spaniens amtierender sozialistischer Ministerpräsident Pedro Sánchez konnte es sich nicht verkneifen, den Vorfall für die große moralische Botschaft zu instrumentalisieren. Manche, so ließ Sánchez verlauten, definierten Zugehörigkeit noch immer über Nachnamen, Geburtsort oder Hautfarbe. Andere hingegen über die Verbundenheit mit einem Land.
„Möge die bessere Mannschaft gewinnen – und der Rassismus verlieren.“ – Mit derartigen Sätzen verabschiedete sich Pedro Sánchez endgültig vom Sport und wandte sich der Kanzel zu.
Man fragt sich unweigerlich: Seit wann ist ein Halbfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft der geeignete Ort für sozialdemokratische Moralpredigten? Die Antwort ist ebenso ernüchternd wie bezeichnend für den Zustand des politischen Europa – der Sport dient längst nur noch als Bühne für ideologische Selbstinszenierung.
Die nüchternen Fakten
Die französische Botschaft in Madrid bemühte sich derweil um die Faktenlage. Alle 26 Spieler der französischen Nationalmannschaft seien Franzosen. 23 davon seien in Frankreich geboren, die verbleibenden drei besäßen ebenfalls die französische Staatsbürgerschaft. Nüchtern betrachtet also eine klare Sache – und doch entzündete sich an der Frage, was denn eigentlich einen „echten“ Franzosen ausmacht, eine Debatte, die weit über den Rasen hinausreicht.
Denn im Kern verhandelt Europa an diesem Beispiel eine Frage, die längst überfällig ist: Was bedeutet nationale Identität in Zeiten, in denen jeder Hinweis auf Herkunft reflexartig zum Rassismus-Vorwurf umgemünzt wird? Wer diese Frage überhaupt stellt, wird augenblicklich als Ewiggestriger abgestempelt. Eine offene Diskussion aber, so scheint es, ist im heutigen Klima des vorauseilenden Empörungsgehorsams schlicht nicht mehr möglich.
Nicht der erste Eklat dieser WM
Bemerkenswerterweise handelt es sich keineswegs um den ersten Rassismus-Streit rund um die französische Auswahl bei diesem Turnier. Bereits zuvor hatte die paraguayische Senatorin Celeste Amarilla de Boccia den französischen Superstar Kylian Mbappé beleidigt. Der französische Verband reichte daraufhin Anzeige gegen die Politikerin ein. Die Gerichte, so scheint es, sind bei dieser Weltmeisterschaft ähnlich gefragt wie die Schiedsrichter.
Am Ende bleibt eine unbequeme Erkenntnis: Ein Satz eines pensionierten Politikers genügt heute, um ganze Nationen in Aufruhr zu versetzen. Vielleicht sollten sich alle Beteiligten wieder auf das besinnen, was auf dem Platz eigentlich zählt – das Spiel selbst. Doch in einem Europa, das die Debatte über Herkunft und Identität mit dem Vorschlaghammer der moralischen Empörung erstickt, ist selbst das offenbar zu viel verlangt.
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