
Ende einer Ära: Kurdenmiliz SDF löst sich in Damaskus selbst auf

Es war ein historischer Abend im Präsidentenpalast von Damaskus: Am Dienstag erklärte SDF-Kommandeur Maslum Abdi die Auflösung der Syrischen Demokratischen Kräfte. Die kurdisch dominierte Truppe, jahrelang wichtigster Partner des Westens im Kampf gegen den Islamischen Staat, gibt ihre Eigenständigkeit auf. Sie geht im syrischen Staat auf.
Abdi sprach nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP von einem Übergang „vom Schlachtfeld zum Aufbau“ und von einer neuen Phase des Friedens. Die SDF habe ihre Aufgabe erfüllt, künftig werde sie nicht mehr als eigene Militärstruktur auftreten.
Vom Bollwerk gegen den IS zur Fußnote
Man muss sich vor Augen halten, was da zu Ende geht. Nach dem Aufstand gegen Baschar al-Assad ab 2011 zogen sich die Regierungstruppen aus dem Nordosten zurück – die Kurden füllten das Vakuum, bauten eine eigene Verwaltung, eigene Sicherheitskräfte, eigene Institutionen auf.
Mit Rückendeckung der internationalen Koalition wurde die SDF zur entscheidenden Bodentruppe gegen die Dschihadisten des IS. Zeitweise kontrollierte sie einem Bericht der Washington Post zufolge rund ein Viertel des syrischen Staatsgebiets. Elf Jahre lang war sie ein Machtfaktor, mit dem jede Regionalmacht rechnen musste.
Nach dem Assad-Sturz drehte sich der Wind
Mit dem Fall des Assad-Regimes im Dezember 2024 änderte sich alles. Die Übergangsregierung unter Präsident Ahmed al-Scharaa pochte auf staatliche Kontrolle über den gesamten Norden. Im Januar 2025 vereinbarten Abdi und al-Scharaa die Integration der kurdischen Verwaltung und ihrer bewaffneten Strukturen in den syrischen Staat – inklusive der Stationierung syrischer Sicherheitskräfte in kurdisch bewohnten Gebieten.
Dass diese Integration am Ende alles andere als freiwillig ablief, gehört zur Wahrheit dazu. Nach einer Offensive der Regierungstruppen verlor die SDF im Januar den Großteil ihres Territoriums im Nordosten. Medienberichten zufolge eskalierten die Kämpfe wochenlang, ehe Ende Januar ein umfassendes Waffenstillstandsabkommen zustande kam. Berichten zufolge hatte Washington seine Unterstützung für die kurdischen Verbündeten zuvor spürbar zurückgefahren.
Was von den kurdischen Rechten bleibt
Abdi betonte in seiner Erklärung die politischen und kulturellen Rechte der Kurden – vor allem den Unterricht in kurdischer Sprache, den al-Scharaa mehrfach zugesichert habe. Ein Dekret des Übergangspräsidenten erkennt laut Washington Post Kurdisch als Amtssprache neben Arabisch an, macht das Neujahrsfest Newroz zum nationalen Feiertag und stellt die Staatsbürgerschaft zehntausender Kurden wieder her.
Ob Papierzusagen halten, wenn die Waffen abgegeben sind? Beobachter sehen darin den wunden Punkt des gesamten Deals. Abdis Vision klingt jedenfalls versöhnlich:
Eine neue syrische Ordnung müsse Araber, Kurden, Syrer, Assyrer und Turkmenen gleichermaßen einbeziehen.
Ankara reibt sich die Hände
Der stille Gewinner sitzt in Ankara. Die Türkei hatte die SDF wegen ihrer Verbindungen zur PKK stets als Terrororganisation eingestuft. Präsident Recep Tayyip Erdogan bekräftigte laut Türkiye Today am Dienstag, sein Land werde die Nachbarstaaten weiter unterstützen, und verwies auf den Prozess für eine „terrorfreie Türkei“.
Für Europa ist das mehr als eine ferne Randnotiz. Wer im Nahen Osten die Ordnung diktiert, entscheidet mit über Fluchtbewegungen, Energieströme und Sicherheit – und über die Frage, wie verlässlich westliche Partnerschaften am Ende wirklich sind. Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der Fall SDF vor allem eines: Geopolitische Zusagen sind flüchtig. Reale Werte sind es nicht.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Er gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Jeder Anleger ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich und sollte eigenständig recherchieren.
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