
Ewigkeitschemikalien: EU-Verbot trifft Jacken, Schuhe und Cremes!

Seit dem 10. Oktober gilt in der Europäischen Union die nächste Stufe des PFAS-Verbots. Kleidung, Schuhe, Leder und Kosmetik wie Gesichtscremes dürfen bestimmte Grenzwerte der sogenannten Ewigkeitschemikalien nicht mehr überschreiten. Der große Wurf ist das aber nicht, denn Tausende verwandte Stoffe bleiben weiterhin erlaubt.
Das Gift im Burger-Menü
Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, kurz PFAS, stecken in mehr Alltagsprodukten, als den meisten lieb sein dürfte. Die beschichtete Bratpfanne, der fettabweisende Fast-Food-Karton, die Papierserviette, sogar reißfeste Zahnseide: Überall können die Stoffe drinstecken. Sie zerfallen praktisch nie, deshalb der Name.
Studien zufolge können bestimmte PFAS Leber, Hormon- und Immunsystem schädigen, den Fettstoffwechsel stören und die Wirkung von Impfungen abschwächen. Sie stehen außerdem im Verdacht, die Fruchtbarkeit zu senken und Krebs auszulösen. Bei zwei Dritteln der jungen Menschen in Deutschland lassen sich mindestens drei PFAS gleichzeitig im Blut nachweisen.
Ein Verbot mit Hintertür
Die neue Regel stützt sich auf die EU-Verordnung 2024/2462 vom September 2024, die ursprünglich auf einen Vorschlag Deutschlands zurückgeht. Sie betrifft ausschließlich die Perfluorhexansäure (PFHxA), ihre Salze und verwandte Verbindungen. Laut Verordnungstext liegen die Grenzwerte bei 25 ppb für PFHxA und ihre Salze sowie bei 1.000 ppb für die verwandten Stoffe. Für Heimtextilien und andere Lederwaren läuft die Übergangsfrist noch bis Oktober 2027. Bei Lebensmittelverpackungen gelten schon seit zwei Monaten eigene Grenzwerte.
Die Verbraucherzentrale NRW dämpft die Erwartungen. Die C6-Stoffgruppe sei häufig als Ersatz für die bereits verbannten C8-PFAS eingesetzt worden, erklärt die Chemikerin Kerstin Effers, sie sei aber nicht weniger schädlich. Viele andere PFAS dürften also weiterhin verwendet werden.
Das klingt nach einem Hase-und-Igel-Spiel. Kaum ist ein Stoff verboten, steigen Hersteller offenbar auf die nächste Verbindung um. Die Kanzlei EY Law zieht deshalb einen Vergleich zum Asbest: Was jahrzehntelang als harmlos galt, könne zu einem ernsten rechtlichen und wirtschaftlichen Risiko werden.
Mittelstand schlägt Alarm
Für die Industrie waren PFAS lange ein Wundermittel. Wasser, Öl, Hitze und aggressive Chemikalien können ihnen nichts anhaben. Deshalb stecken sie in Halbleitern, Dichtungen, Schmierstoffen und in der Metallverarbeitung. Der Maschinenbauverband VDMA warnt, Pumpen für hochsensible Medien wie Reinstwasser bräuchten PFAS zwingend, wenn es keine Lecks geben solle. Die Regulierung gehe an der Realität vorbei und gefährde den Mittelstand.
Auch der Verband der Textilindustrie sieht schwarz. Bei einem weitgehenden PFHxA-Verbot stünden viele technische Textilien und zahlreiche EU-Hersteller vor dem Aus, heißt es dort. Der bekannte Reflex aus Brüssel lautet: erst regulieren, dann über die Folgen staunen. Und während Europa seine Betriebe an die kurze Leine nimmt, liefern Anbieter aus Fernost munter weiter.
"Richtig ist, dass wir bei globalem Handel eine weltweite Beschränkung der PFAS benötigen."
Das räumt sogar Verbraucherschützerin Effers ein. Wer jetzt über Wettbewerbsnachteile klage, habe allerdings lange genug Zeit zur Umstellung gehabt, meint sie.
Feuerwehr, Flughafen Hahn und ein Alptraum im Bach
Ausgerechnet die Schutzkleidung von Feuerwehrleuten ist vorerst ausgenommen, denn laut Gesetzgeber fehlen in der EU Alternativen. Mehrere US-Bundesstaaten sind schon weiter. Dort wurden PFAS in Einsatzkleidung auf Druck des Feuerwehrverbands verboten, und San Francisco mustert seine PFAS-Anzüge komplett aus.
Wie gefährlich Löschschaum sein kann, zeigt der Flughafen Hahn im Hunsrück. Auf dem ehemaligen US-Militärgelände versickerte PFAS-haltiger Schaum aus einem Übungsbecken im Boden. Im Brühlbach wurden später Konzentrationen gemessen, die 3.500-mal über der EU-Umweltqualitätsnorm lagen.
So schützen Sie sich selbst
- Auf den Hinweis "frei von PFAS" achten. Die Angabe "PFOS-frei" schließt nur eine einzige Verbindung aus.
- Bei Outdoor-Marken nachlesen, ob der PFAS-Ausstieg bereits vollzogen wurde.
- Textilsiegel prüfen und nicht bei Händlern mit Sitz außerhalb der EU bestellen.
Auf EU-Ebene läuft inzwischen ein Verfahren, das fünf Staaten angestoßen haben, darunter Deutschland. Es soll alle PFAS bis auf unverzichtbare Anwendungen vom Markt verdrängen. Die Frage ist, ob Europas Industrie diesen Kraftakt übersteht oder ob am Ende vor allem die Konkurrenz außerhalb der EU davon profitiert.
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