
Frankreich in Flammen: Zemmour-Sager landet bei der Staatsanwaltschaft
Rathäuser brennen, Läden werden leergeräumt, und Frankreich streitet darüber, wer schuld ist. Éric Zemmour, Chef der Rechtspartei Reconquête, hat am Sonntag im Sender LCI Migranten für die schweren Krawalle vom Wochenende verantwortlich gemacht. Jetzt hat ihn der linke Abgeordnete Antoine Léaument wegen mutmaßlich rassistischer Äußerungen angezeigt.
Ein Land verliert die Kontrolle
Eigentlich gingen am Samstag Hunderttausende friedlich auf die Straße. Sie protestierten gegen hohe Lebenshaltungskosten, Lehrermangel und marode Schulen. Das Innenministerium zählte rund 550.000 Demonstranten. Dann versank der Protesttag in einer Welle der Gewalt.
Die Bilanz liest sich wie ein Frontbericht. Nach Angaben der Behörden gab es mehr als 2.000 Festnahmen und über 600 verletzte Polizisten. Laut Handelsminister Serge Papin wurden mindestens 3.000 Geschäfte beschädigt oder geplündert. In Limoges brannte das historische Rathaus nieder.
Innenminister Laurent Nuñez soll eingeräumt haben, die Behörden hätten in einigen Großstädten die Kontrolle verloren. Er bot seinen Rücktritt an, Präsident Macron lehnte ab. Besonders bitter ist das für die Händler: Wie berichtet wird, bekamen manche Ladenbesitzer am Polizeitelefon nur zu hören, es könne niemand kommen. Inzwischen gelten unter anderem in Lille und Teilen von Paris nächtliche Ausgangssperren.
Zemmours Brandrede im Fernsehen
Mitten in diese aufgeheizte Lage hinein meldete sich Zemmour zu Wort. Bei der letzten Präsidentschaftswahl war er auf Platz vier gelandet. Seine Deutung der Krawalle fiel drastisch aus:
„Ich glaube, was wir gestern gesehen haben, ist das wahre Gesicht des großen Austauschs. Es hat ein Erscheinungsbild: eine Horde maghrebinischer und afrikanischer Barbaren, die in die Städte eindringen. Es gibt palästinensische, algerische und marokkanische Flaggen.“
Der französischen Linken warf er vor, mit diesen Gruppen ein Bündnis eingegangen zu sein. Kritiker halten die Rede vom „großen Austausch“ seit Langem für eine Verschwörungserzählung, und Zemmour gilt als einer ihrer bekanntesten Verbreiter.
Anzeige statt Analyse?
Léaument sitzt für die linksradikale Partei La France insoumise von Jean-Luc Mélenchon in der Nationalversammlung. Auf X reagierte er empört: Zemmour halte Reden über einen Bürgerkrieg und stachle zum Hass gegen Menschen auf, „die als Maghrebiner wahrgenommen werden“. Sein Ziel sei es, rassistische Gewalt auszulösen. „Die Gewalt, das ist Zemmour“, schrieb Léaument.
Die Justiz solle den „mehrfach rückfälligen rassistischen Straftäter“ verfolgen und verurteilen, forderte er. Medienberichten zufolge wurde Zemmour tatsächlich schon mehrfach verurteilt, unter anderem wegen Aufstachelung zum Rassenhass. Bemerkenswert dabei: Zemmour stammt selbst aus einer jüdischen Familie mit algerischen Wurzeln. Auf die Anzeige reagierte er knapp: „Manchmal wird mir Rassismus vorgeworfen. Niemals Lüge.“
Die unbequeme Frage nach den Tätern
Mit der Anzeige allein ist die Debatte aber nicht erledigt. Polizeivertreter sagen, die Randalierer seien vor allem aus zwei Milieus gekommen: aus der linksradikalen Szene und aus sozialen Brennpunkten, besonders aus den migrantisch geprägten Banlieues. Premierminister Sébastien Lecornu machte die „Ultralinke“ und Kriminelle verantwortlich. In Untersuchungshaft säßen vor allem Männer, die der Polizei bereits bekannt seien.
Ob Zemmours pauschale Wortwahl strafbar ist, müssen Gerichte entscheiden. Aus Sicht unserer Redaktion darf der Streit um Worte aber nicht die eigentliche Frage verdrängen: Warum kann ein Staat seine Innenstädte nicht mehr schützen?
Ein Warnsignal für Deutschland
Das Auswärtige Amt hat seine Reisehinweise für Frankreich bereits verschärft. Die Bilder aus Paris, Lyon und Limoges sind aber mehr als ein Problem für Urlauber. Sie zeigen, was passieren kann, wenn soziale Spannungen, ungelöste Integrationsfragen und eine überforderte Polizei aufeinandertreffen. Auch in Berlin sollte man genau hinschauen.
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