
Gas-Krach mit Rom: Treibt Berlins Speicherpanne Europas Preise hoch?

Deutschland geht mit so wenig Gas in den Winter wie seit mindestens 15 Jahren nicht mehr. Am 3. November waren die deutschen Speicher nach Daten des Branchenverbands Gas Infrastructure Europe (GIE) nur zu 60,81 Prozent gefüllt. Jetzt kommt auch noch Ärger aus Italien: Rom macht Berlins späte Nachkäufe für den Preissprung in ganz Europa verantwortlich.
Ein Negativrekord mit Ansage
Für diesen Stichtag gibt es in der Datenreihe seit 2011 keinen niedrigeren Wert. Ein Jahr zuvor lag der Füllstand noch bei 75,23 Prozent. Die gesetzliche Vorgabe, wonach die Speicher zum 1. November im Schnitt zu 70 Prozent voll sein sollten, wurde Medienberichten zufolge klar verfehlt.
Man erinnert sich: Im Krisenjahr 2022 zitterte das Land vor einem kalten Winter ohne russisches Pipelinegas. Damals hieß es, man habe seine Lektion gelernt. Vier Jahre später wirkt diese Lektion seltsam vergessen.
Italiens schwere Vorwürfe
Den Angriff aus Rom führt Alessandro Noce, Generaldirektor für Energiemärkte und Infrastruktur im italienischen Energieministerium. Wie Reuters und das Fachmedium Montel berichten, warf er Deutschland auf einer Energietagung in Mailand vor, mit verspäteten Käufen die Preise in ganz Europa hochzutreiben.
Italien habe 300 Millionen Euro in die Befüllung seiner Speicher gesteckt und müsse wegen der deutschen Nachkäufe nun obendrein höhere Preise zahlen. Das Land werde also doppelt belastet. Laut Bloomberg warnte Noce zudem, Italien müsse bei einem harten Winter womöglich auch einen deutschen Engpass mit abfedern.
Die Zahlen, die er nannte, haben es in sich. Den aktuellen europäischen Gaspreis von rund 100 Euro je Megawattstunde führte Noce auf die deutschen Einkäufe zurück. Ohne sie läge der Preis nach seiner Einschätzung bei etwa 70 Euro. Für einen kalten Januar hält er laut Reuters sogar 150 bis 180 Euro für möglich.
Zwei Strategien, zwei Ergebnisse
Rom hat früh gehandelt. Italien kaufte trotz hoher Preise große Mengen Flüssigerdgas (LNG), lockte mit finanziellen Anreizen und machte Händlern strenge Vorgaben – bei Verstößen drohten Bußgelder. Ende Oktober waren die italienischen Speicher laut Reuters zu rund 91 Prozent gefüllt.
In Deutschland fehlten dagegen monatelang die wirtschaftlichen Anreize. Kurzfristig verfügbares Gas kostete mehr als Lieferungen für den Winter. Wer einspeicherte, kaufte also teuer ein, ohne auf höhere Verkaufspreise hoffen zu können. Erst im September beauftragte Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) den bundeseigenen Importeur Sefe mit zusätzlichen Käufen. Spät, sagen Kritiker – vielleicht zu spät.
Berlin wiegelt ab
Das Bundeswirtschaftsministerium weist die Vorwürfe zurück. Sefe sei angewiesen worden, innerhalb von etwa zwei Monaten acht Terawattstunden Gas zu kaufen und einzuspeichern, möglichst von außerhalb der EU. So komme zusätzliches Gas nach Europa, was den Preiseffekt gering halte.
Auch einen Zusammenhang mit der geplanten Privatisierung von Sefe und Uniper bestreitet das Ministerium. Beide Unternehmen erfüllten ihre Pflichten, die Versorgung sei gesichert. Verwiesen wird auf Pipelines, LNG-Terminals und das europäische Netz.
Wie groß der deutsche Anteil am Preisanstieg tatsächlich ist, bleibt umstritten. Davide Tabarelli von Nomisma Energia beziffert den Aufschlag durch niedrige Speicherstände in Deutschland und anderen Ländern gegenüber Montel auf 20 bis 30 Euro je Megawattstunde. Claudio Enriquez von Adybo sieht beim deutschen Effekt dagegen nur drei bis sieben Euro.
Am Ende zahlt der Bürger
Eine Versorgungskrise erwarten die Behörden nicht. Doch die Rechnung ist schnell gemacht: Müssen Versorger im Winter teuer nachkaufen, landen die Kosten früher oder später bei Haushalten und Mittelstand. Ausgerechnet ein Land, das ohnehin unter hohen Energiepreisen ächzt, setzt damit auf das Prinzip Hoffnung – und auf einen milden Winter.
Für viele Sparer zeigt der Vorgang erneut, wie schnell politische Versäumnisse in die eigene Kasse durchschlagen. Wer sein Vermögen vor Teuerung schützen will, kann physisches Gold und Silber als krisenfeste Beimischung in einem breit gestreuten Portfolio in Betracht ziehen.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Er gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Jeder Leser sollte eigenständig recherchieren und trägt die Verantwortung für seine Anlageentscheidungen selbst.
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