
Gas-Wende rückwärts: Putins Pipeline schlägt das Tanker-Geschäft

Brüssel will bis Ende 2027 komplett ohne russisches Gas auskommen. Doch die aktuellen Zahlen für Juli 2026 zeigen ein anderes Bild: Russisches Flüssigerdgas verliert in der EU an Bedeutung – dafür fließt wieder mehr Pipeline-Gas über TurkStream. Das geht aus Auswertungen des finnischen Analysehauses CREA und Daten des europäischen Netzbetreiberverbands Entsog hervor.
Ein Monat, ein Rollentausch
Im Juni entfielen laut CREA noch 52 Prozent des Werts aller russischen Fossilenergie-Importe der EU auf LNG – 993 Millionen Euro. Pipeline-Gas kam auf 379 Millionen Euro oder 25 Prozent.
Im Juli kippte das Verhältnis: Pipeline-Gas erreichte 561 Millionen Euro (38 Prozent), LNG nur noch 526 Millionen Euro (36 Prozent). Wertmäßig brachen die russischen LNG-Lieferungen damit um rund 47 Prozent ein.
Auch Moskaus Kasse spürt die Verschiebung. Die täglichen Erlöse aus LNG-Exporten sanken den Daten zufolge von 60 auf 38 Millionen Euro, während die Einnahmen aus Pipeline-Gas von 60 auf 71 Millionen Euro kletterten – bei rund 20 Prozent mehr Menge. Ein Verlust für den Kreml? Aus Sicht unserer Redaktion kaum.
Belgien, Frankreich, Spanien: Der Rückgang mit Sternchen
Besonders deutlich fiel das Minus in Frankreich, Spanien und Belgien aus – zusammen 46 Prozent weniger russisches LNG als im Juni. Frankreich erhielt vier Tanker weniger, Spanien drei, Belgien einen.
Bemerkenswert bleibt trotzdem: Sämtliche LNG-Importe Belgiens stammten im Juli weiterhin aus Russland. Und russisches LNG wurde keineswegs weniger verladen. Das arktische Terminal Yamal LNG verschiffte in beiden Monaten je 20 Ladungen – nur ging ein größerer Teil davon nach Asien. Ob veränderte Nachfrage oder politische Entscheidungen dahinterstehen, lässt der Bericht offen.
TurkStream: Die Röhre, die alles überlebt
Über TurkStream stiegen die Flüsse nach Entsog-Daten von 13.203 Gigawattstunden im Juni auf 18.245 Gigawattstunden im Juli – ein Plus von rund 38 Prozent, also von etwa 1,26 auf 1,74 Milliarden Kubikmeter. Ein Teil des Sprungs dürfte allerdings darauf zurückgehen, dass die Leitung Anfang Juni mehrere Tage planmäßig gewartet wurde.
Im Jahresvergleich liegt das Niveau leicht unter Vorjahr: 110.492 Gigawattstunden von Januar bis Juli, nach 114.328 Gigawattstunden im Vorjahreszeitraum. Hauptkunden über den angeschlossenen Balkan-Stream waren im Juli Ungarn, die Slowakei und Bulgarien mit Lieferungen im Wert von 518 Millionen Euro. Die EU blieb der größte Abnehmer russischen Pipeline-Gases überhaupt – 32 Prozent aller russischen Pipeline-Exporte.
Herkunftsnachweis für Erdgas – der Beweis der Ratlosigkeit
Der türkische Energieminister Alparslan Bayraktar erklärte kurz zuvor, mehrere europäische Staaten wollten Gas über die Türkei beziehen, verlangten aber einen Nachweis, dass es nicht aus Russland stamme. TurkStream nannte er für die Versorgung seines Landes strategisch unverzichtbar.
Anmerkung der Redaktion: Gas ist letztlich ein Molekül, kein Pass – wer im türkischen Netz russisches von aserbaidschanischem Gas trennen will, betreibt aus unserer Sicht vor allem Buchhaltung.
Nach der EU-Verordnung greift das Verbot für russisches LNG zum 1. Januar 2027, für Pipeline-Gas zum 30. September 2027, mit möglicher Verlängerung bis 1. November 2027. Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der Juli-Befund, wie brüchig die Brüsseler Erfolgsmeldungen sind: Verschoben werden Handelswege – nicht Abhängigkeiten. Die Rechnung dafür zahlen Industrie und Haushalte in Deutschland über die Energiepreise.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Anlageberatung dar. Wir geben keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen. Jeder Anleger ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich und sollte eigene Recherchen anstellen. Physische Edelmetalle können als Beimischung zur langfristigen Vermögenssicherung dienen.
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