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Kettner Edelmetalle
31.07.2026
13:11 Uhr

Halbleere Speicher, doppelte Preise, ein Verbot obendrauf: Europas Gaspolitik fährt sehenden Auges in den Winter

Halbleere Speicher, doppelte Preise, ein Verbot obendrauf: Europas Gaspolitik fährt sehenden Auges in den Winter

Es gibt Fehler, die passieren. Und es gibt Fehler, die man plant, terminiert und per Verordnung in Kraft setzt. Was sich derzeit auf den europäischen Gasmärkten abspielt, gehört unzweifelhaft in die zweite Kategorie. Eine frische Bilanzanalyse des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln zeichnet ein Bild, das jedem Hausvater den Schweiß auf die Stirn treiben müsste: Europa müsste seine Flüssiggas-Einfuhren bis zum Winter mehr als verdoppeln, um die Speicher überhaupt auf ein halbwegs vertretbares Niveau zu bringen.

55 Prozent – und der November klopft schon

Die Zahlen sprechen eine unmissverständliche Sprache. Ende Juli lagen die Speicher in EU und Vereinigtem Königreich bei mageren 55 Prozent – der zweitschlechteste Wert seit 2016, nur 2021 war es noch dünner. In Deutschland sieht es noch trostloser aus: rund 45,5 Prozent, so leer wie seit fünfzehn Jahren nicht mehr. Ein kalter Winter hat die Bestände geleert, die Einspeicherung im Frühjahr kam nur schleppend voran. Bis zum 1. November fehlen für einen 80-Prozent-Puffer rund 275 Terawattstunden. Das ist keine Rundungsdifferenz, das ist eine Lücke von der Größe eines mittleren Nationalstaats.

Damit die Rechnung aufgeht, müsste die Auslastung der europäischen Importterminals von 29 auf etwa 70 Prozent hochschnellen, die tägliche Ausspeisung von rund 2100 auf über 5000 Gigawattstunden. Ein Kraftakt – und einer, den Europa nicht allein in der Hand hat.

„Europa hat genügend Importterminals aufgebaut, aber sich nicht mit genügend LNG eingedeckt“, warnt EWI-Forscher Hendrik Diers. Ob die Speicher rechtzeitig voll würden, entscheide sich auf dem Weltmarkt.

Asien zahlt mehr – und bekommt die Tanker

Genau dort läuft es gegen uns. Seit dem Beginn des Iran-Krieges hat sich der europäische Gaspreis nahezu verdoppelt; Ende Juli notierte Gas für August am TTF bei etwa 56 Euro je Megawattstunde, rund 80 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Und der asiatische Referenzpreis JKM liegt seit März darüber – Ende Juli mit einem Aufschlag von etwa 5,10 Euro. Flexible Ladungen fahren dorthin, wo mehr gezahlt wird. Das ist keine Bosheit, das ist Marktlogik.

Hinzu kommt eine perverse Preisstruktur: Sommergas kostet derzeit rund 4,70 Euro je Megawattstunde mehr als Gas für das erste Quartal 2027. Wer einspeichert, kauft teuer und verkauft womöglich billig. Welcher Händler soll da freiwillig für die Versorgungssicherheit des Kontinents bluten? Deutschland hat immerhin geliefert: Zwischen März und Mai stiegen die LNG-Einfuhren laut IEEFA um 72 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Genutzt hat es wenig – die Speicher bleiben historisch leer.

Und dann kommt Brüssel mit dem Kalender

Als wäre die Lage nicht schon prekär genug, greift ab dem 1. Januar 2027 das vollständige EU-Verbot für russisches LNG aus langfristigen Verträgen. Für das November-Ziel spielt das keine Rolle – wohl aber für die Wochen unmittelbar nach Beginn der Heizperiode. Genau dann, wenn die Speicher am schnellsten leerlaufen, fällt eine Bezugsquelle weg, die in Wahrheit alles andere als marginal ist.

Denn hier wird es pikant: Im ersten Halbjahr 2026 bezog die EU rund 9,89 Millionen Tonnen aus der russischen Arktisanlage Yamal – mehr als jemals zuvor, laut Kpler 18 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. Von 140 Ladungen gingen 136 in europäische Häfen, Hauptabnehmer Frankreich, Belgien und Spanien. Bis zu sechs Milliarden Euro sollen dafür geflossen sein. Man verbietet also im Januar, was man bis Dezember in Rekordmengen einkauft. Eine Ausnahmeregelung erlaubt europäischen Firmen sogar, russisches LNG aus Altverträgen weiter an Kunden außerhalb der EU zu verkaufen – für die Versorgung Europas stehen diese Mengen dann aber nicht mehr bereit. Moral als Buchhaltungstrick.

Die teuren Retter: USA und Kanada

Ersetzt werden soll das Ganze vor allem durch amerikanisches Flüssiggas. Die USA sind längst der wichtigste LNG-Lieferant der EU – nur ist deren Gas nach Verflüssigung, Transport und Regasifizierung erheblich teurer als Pipelinegas; teilweise etwa doppelt so teuer wie russisches Gas. Beliebig steigern lassen sich die Exporte kurzfristig ohnehin nicht, die Verflüssigungsanlagen fahren am Anschlag, neue Projekte brauchen Jahre. Bleibt also nur: mehr zahlen, um Asien die Tanker abzuwerben.

Kanada? Sefe will ab Anfang der 2030er eine Million Tonnen beziehen, Uniper zwei Millionen ab 2032 – die Anlagen existieren noch nicht. Und wegen der langen Route von der Westküste könnte dieses Gas nach Einschätzung der Energieanalystin Ana Maria Jaller-Makarewicz zum teuersten LNG für europäische Kunden werden. Für diesen Winter hilft das genau null.

Wer zahlt? Immer derselbe.

Man muss es nüchtern sagen: Europa hat Terminals gebaut, Verträge verboten, Verordnungen verkündet – und dabei vergessen, sich Gas zu besorgen. Eine Entspannung erwartet das EWI erst nach dem Ende der Heizperiode im zweiten Quartal 2027. Bis dahin trägt die Rechnung, wer sie immer trägt: der Mittelständler, der Handwerksbetrieb, die Familie mit Gasheizung. Politisch beschlossene Verteuerung, verkauft als Prinzipienfestigkeit.

Wer wissen will, warum immer mehr Bürger dieser Energiepolitik misstrauen, findet die Antwort in solchen Zahlen. Und wer sein Vermögen vor politisch erzeugter Inflation und Energiepreisschocks schützen will, denkt zwangsläufig darüber nach, welchen Teil seines Ersparten er in Sachwerte umschichtet, die kein Ministerium per Verordnung entwerten kann. Physische Edelmetalle – Gold und Silber – haben genau in solchen Phasen ihre Rolle als Fundament eines breit gestreuten Portfolios bewiesen: kein Gegenparteirisiko, keine Lieferkette, kein Sanktionspaket.

Hinweis: Dieser Beitrag stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Er spiegelt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wider. Jede Anlageentscheidung erfolgt eigenverantwortlich; Leser sind gehalten, selbst gründlich zu recherchieren und bei Bedarf qualifizierte Berater hinzuzuziehen. Eine Haftung für Vermögensschäden wird ausdrücklich ausgeschlossen.

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