
KI-Boom ohne Deutschland? Ifo-Ökonomen schlagen Alarm!

Die Welt investiert Milliarden in Künstliche Intelligenz, und Deutschland schaut vom Spielfeldrand zu. Das Münchner Ifo-Institut hat am Montag, dem 2. November, kurz vor dem Digital-Gipfel der Bundesregierung in Berlin eine ernüchternde Bilanz gezogen. Demnach fehlen dem Land wichtige Voraussetzungen, um vom Wachstum durch KI zu profitieren.
Die Ökonomen nennen drei Schwachstellen: eine zu kleine Hightech-Branche, eine kaum digitalisierte Verwaltung und ein Bildungssystem, das mit dem technologischen Wandel nicht mithält.
Exportweltmeister? Bei Digitaltechnik ist Deutschland Importweltmeister
Nach Angaben des Ifo trägt der Sektor der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) nur 4,6 Prozent zur deutschen Bruttowertschöpfung bei. Damit liegt Deutschland im unteren Mittelfeld der EU. Für ein Land, das sich gern als Hochtechnologiestandort sieht, ist das ein bitterer Befund.
Noch deutlicher wird das Bild beim Außenhandel. 2025 hat Deutschland laut Ifo IKT-Dienstleistungen im Wert von elf Milliarden US-Dollar mehr importiert als exportiert. Ifo-Forscher Christian Pfaffl ordnet das so ein:
„Kein anderes EU-Land ist im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie stärker vom Ausland abhängig als Deutschland.“
Das sollte jeden aufschrecken, der in Berlin von „digitaler Souveränität“ spricht. Das Motto des diesjährigen Gipfels beginnt mit „Shaping AI: safe, sovereign“. Mit der Wirklichkeit hat dieser Anspruch bislang wenig zu tun.
Behörden im Faxzeitalter, Nachbarn längst digital
Besonders scharf kritisiert das Ifo den Zustand der öffentlichen Verwaltung. Dort habe es kaum Fortschritte gegeben. Dabei könnten die Behörden mit KI und den vorhandenen Verwaltungsdaten für Bürger und Unternehmen deutlich besser arbeiten.
Ein Beispiel sind vorausgefüllte Formulare. In Deutschland befinde man sich dabei noch in der Experimentierphase, erklären die Forscher. In den Niederlanden, in Dänemark, Polen und Österreich sei das längst weitgehend Alltag. Ausgerechnet Polen, das gerne belächelt wurde, ist hier also weiter. Für Bürger und Mittelständler, die sich weiter durch Papierstapel und Online-Portale ohne Zusammenhang kämpfen, ist das keine Überraschung, sondern tägliche Erfahrung.
Die Regierung Merz hat zwar ein eigenes Digitalministerium unter Karsten Wildberger geschaffen, der den Gipfel am 2. November eröffnete. Ob ein neues Ministerium allein die über Jahrzehnte gewachsene Behördenträgheit überwindet, bezweifeln aber viele Beobachter.
Die eigentliche Zeitbombe tickt in den Klassenzimmern
Am schwersten wiegt vielleicht der Befund zur Bildung. Bei digitalen Kompetenzen oberhalb des Grundniveaus liegt Deutschland laut Ifo unter dem EU-Durchschnitt. 40 Prozent der Achtklässler erreichen nicht einmal Stufe 2 der Computer- und Informationskompetenz. Hier wächst eine Generation heran, die mit dem Smartphone aufwächst, aber im Umgang mit digitalen Werkzeugen zu wenig lernt.
Oliver Falck, Leiter des Ifo-Zentrums für Innovationsökonomik und digitale Transformation, bringt das Problem auf den Punkt:
„KI-Anwendungen verbreiten sich rasant, aber zu vielen fehlt das Wissen, sie produktiv zu nutzen.“
Die Folgen sind laut Ifo schon in der Wirtschaft zu spüren. Fehlende Fachkompetenz sei der häufigste Grund, warum Unternehmen geplante KI-Projekte nicht umsetzen. Die Ideen sind also vorhanden, aber es fehlen die Leute, die sie umsetzen können.
Gipfeltreffen ersetzen keine Reformen
Ihre Aussagen stützen die Münchner Forscher auf eine Analyse im Auftrag der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. Sie soll in Kürze veröffentlicht werden. Dass die Wirtschaft selbst eine solche Untersuchung in Auftrag gibt, zeigt, wie groß die Sorge in den Betrieben ist.
Digital-Gipfel gibt es in Deutschland seit fast zwei Jahrzehnten, und jedes Jahr wird Aufbruch versprochen. Aus Sicht unserer Redaktion braucht es aber keine weiteren Absichtserklärungen. Nötig sind weniger Bürokratie, eine Verwaltung, die Bürgern dient statt sie zu belasten, und Schulen, die wieder auf Leistung und solides Können setzen. Sonst wird die nächste industrielle Revolution woanders entschieden, und Deutschland bezahlt nur noch die Lizenzgebühren.
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