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Lesch gegen den Rest der Welt: Sind 79 Reaktorbauer nicht bei Verstand?

Lesch gegen den Rest der Welt: Sind 79 Reaktorbauer nicht bei Verstand?
Symbolbild: KI-generiert

ZDF-Wissenschaftsmoderator Harald Lesch hat sich Ende Oktober 2026 in einem Interview mit der Welt zur Kernenergie geäußert und dabei kräftig ausgeteilt. Seine Botschaft: Wer heute noch Atomkraftwerke baue, habe den Verstand verloren, es sei denn, er wolle Plutonium für Bomben. Laut World Nuclear Association sind weltweit gerade 79 Reaktoren im Bau, 122 weitere sind konkret geplant.

„Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke“

Das klingt nach Talkshow. Mit sachlicher Wissenschaftsvermittlung hat es aus Sicht vieler Kritiker wenig zu tun.

Eine ganze Welt auf der Anklagebank

Wer sich Leschs Urteil zu eigen macht, muss eine lange Liste von Ländern für unvernünftig halten. Neue Reaktoren bauen China, Indien, Russland, Südkorea, Kanada, Großbritannien, Ungarn, die Türkei, Ägypten, Bangladesch und Pakistan. Frankreich, Polen, Tschechien, Schweden, Bulgarien und Rumänien planen zusätzliche Anlagen. Die Vereinigten Arabischen Emirate betreiben vier moderne Reaktoren, und zwar für die zivile Stromversorgung.

Auch Afrika kommt hinzu. Ägypten errichtet vier Blöcke mit zusammen 4.800 Megawatt. Ghana, Kenia, Uganda, Ruanda und Nigeria entwickeln oder prüfen eigene Programme, viele davon allerdings noch in frühen Phasen. Wollen all diese Staaten Atomwaffen? Die Frage beantwortet sich von selbst.

Mitten in Europa hat erst am 15. Oktober 2026 der slowakische Block Mochovce 4 zum ersten Mal Strom ins Netz eingespeist. Nach Angaben des Betreibers bringt er 471 Megawatt, das entspreche rund 13 Prozent des slowakischen Verbrauchs. Billig war das nicht: Medienberichten zufolge haben sich die Kosten für die Blöcke 3 und 4 auf 6,7 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Trotzdem plant Bratislava schon den nächsten Reaktor.

Das Wasser-Argument hält nicht dicht

Lesch begründet seine Ablehnung unter anderem mit sinkenden Flusspegeln und steigenden Temperaturen. Physikalisch ist das zu kurz gedacht. Kernkraftwerke vernichten kein Wasser. Bei der Durchlaufkühlung fließt der größte Teil zurück in den Fluss. Was verdunstet, bleibt im Wasserkreislauf, auch wenn es am Standort vorübergehend fehlt.

Außerdem gibt es nicht nur eine Art der Kühlung. Geschlossene Kreisläufe entnehmen deutlich weniger Wasser. Trockenkühlung gibt die Abwärme direkt an die Luft ab, das hat schon der deutsche Hochtemperaturreaktor THTR-300 gemacht. Gasgekühlte Reaktoren brauchen im Kern gar kein Wasser. Diese Technik kostet zwar mehr und senkt den Wirkungsgrad. Ein pauschales K.-o.-Argument gegen die Kernkraft ergibt sich daraus aber nicht.

Prominenz ersetzt keine Belege

Lesch ist Professor für Astrophysik und erreicht durch seine Sendungen im gebührenfinanzierten Fernsehen ein Millionenpublikum. Gerade deshalb wiegt jedes seiner Worte schwer. Natürlich darf er die Kernkraft ablehnen und ihre Risiken benennen. Wer aber Ingenieuren, Forschern und Regierungen weltweit den Verstand abspricht, ersetzt das Argument durch ein Urteil über die Person.

Das passt schlecht zu einem Mann, der sonst gern faktenbasierte Debatten verlangt. Wissenschaft lebt davon, dass man Argumente prüft und sich streitet. Abweichende Meinungen für krank zu erklären, gehört nicht dazu.

Deutschlands teurer Sonderweg

Seit April 2023 liefern Deutschlands letzte drei Kernkraftwerke keinen Strom mehr, inzwischen werden sie zurückgebaut. Weil Wind und Sonne vom Wetter abhängen, setzt die Politik nun auf neue Gaskraftwerke, Speicher und Stromimporte. Nebenan in Frankreich kommt weiter der Großteil des Stroms aus Kernkraft, und das Land blieb sogar bei Einschränkungen im Sommer Nettoexporteur.

Hohe Baukosten, lange Genehmigungen und das ungelöste Endlager sind echte Probleme. Viele Industriestaaten wägen sie aber anders ab als Berlin. Die eigentliche Frage ist also nicht, ob der Rest der Welt bei Verstand ist. Sie lautet, ob Deutschland mit seinem Alleingang bei Versorgungssicherheit, Strompreisen und Wettbewerbsfähigkeit am Ende besser dasteht. Darauf hat Lesch keine Antwort gegeben. Die Rechnung zahlen Bürger und Mittelstand Monat für Monat.

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