
Machtpoker im Mittelmeer: Ankara bremst EU-Milliardenkabel nach Zypern!

Griechenland will die Arbeiten am 1,9 Milliarden Euro teuren Seekabel nach Zypern wieder aufnehmen. Der französische Kabelbauer Nexans hat bei den griechischen Behörden eine Genehmigung für neue Meeresbodenuntersuchungen beantragt. Die Türkei beansprucht jedoch Hoheitsrechte in Teilen des Gebiets. Wann es tatsächlich weitergeht, kann derzeit niemand sagen.
Es geht um weit mehr als ein Stromkabel. Im östlichen Mittelmeer wird gerade ausgetestet, wer dort das Sagen hat und wie viel Rückgrat Europa beweist.
898 Kilometer durch umstrittenes Wasser
Das Projekt heißt Great Sea Interconnector. Im ersten Schritt soll es Kreta mit Zypern verbinden, die Leitung wäre rund 898 Kilometer lang. Später soll die Verbindung bis nach Israel weitergeführt werden. Das Kabel soll 1.000 Megawatt übertragen, und zwar in beide Richtungen. Verlegt würde es in bis zu 3.000 Metern Tiefe. Damit gehört es zu den technisch anspruchsvollsten Unterseekabeln der Welt.
Das Problem liegt allerdings nicht auf dem Meeresgrund, sondern am Verhandlungstisch. Die geplante Trasse führt durch Gewässer, deren Status zwischen Athen und Ankara umstritten ist. Die Türkei stützt sich auf ein Seegrenzenabkommen, das sie 2019 mit Libyen geschlossen hat. Griechenland erkennt die daraus abgeleiteten Ansprüche nicht an.
Ankara droht schon bei Vorarbeiten
Die türkische Regierung fordert, dass Arbeiten in den von ihr beanspruchten Zonen vorher mit ihr abgestimmt werden. Bereits Anfang Oktober kündigte sie laut Berichten an, keine ungenehmigten Aktivitäten zu dulden. Athen weist jede türkische Genehmigungspflicht zurück. Damit können schon technische Vermessungen zum diplomatischen Zündstoff werden.
Dass diese Sorge berechtigt ist, zeigte sich schon früher: Im Sommer 2024 kamen Untersuchungen nahe der Insel Kasos zum Stillstand, nachdem dort Medienberichten zufolge türkische Kriegsschiffe aufgetaucht waren. Seitdem steckt das Projekt fest.
657 Millionen aus Brüssel und trotzdem keine Lösung
Die EU fördert das Vorhaben mit 657 Millionen Euro aus ihrem Infrastrukturprogramm Connecting Europe Facility. Mitfinanziert wird das also auch mit Geld deutscher Steuerzahler. Den Streit um die Seegebiete kann Brüssel allerdings nicht schlichten. Die EU gibt viel Geld, hat politisch aber wenig Einfluss. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die europäische Energiepolitik.
Zypern hat bis heute keine Stromverbindung zum europäischen Festland. Die Insel versorgt sich mit eigenen Kraftwerken und erneuerbaren Energien. Ein Kabel würde Importe und Exporte ermöglichen. Zusätzliche Kraftwerksleistung entsteht dadurch aber nicht. Ob sich das Projekt am Ende rechnet, hängt von Strompreisen, Netzauslastung und den endgültigen Kosten ab. Jede weitere Verzögerung belastet die Finanzierung.
Paris und Washington mischen mit
Nexans stellte den Antrag am 8. Oktober. Untersuchen soll den Meeresboden das Forschungsschiff VB Abeille Marengo, sobald die zuständige Ministerkommission und die Küstenwache zustimmen. Auch in Zypern liegen Anträge vor. Griechischen Medienberichten zufolge könnten die Arbeiten Ende Oktober von Heraklion aus beginnen, möglicherweise aber auch erst Anfang November. Einen festen Termin gibt es nicht.
Frankreich ist über den Kabelhersteller Nexans und den Investor Meridiam beteiligt, der inzwischen laut Berichten die Mehrheit an dem Projekt hält. Nexans erklärte am 4. Oktober, man habe keine Kontakte zu türkischen Behörden und plane auch keine. Türkische Zeitungen berichten dagegen von Gesprächen zwischen Ankara und Paris hinter den Kulissen.
Auch die USA unterstützen das Projekt. US-Außenminister Marco Rubio habe Athen Anfang Oktober diplomatische Hilfe zugesagt, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Zusätzlich verschärft sich die Lage: Ankara hat laut Berichten auch gegen Vermessungen für ein Datenkabel zwischen Saudi-Arabien und Marseille protestiert.
Am Ende entscheidet Ankara mit
Das Ergebnis ist ernüchternd. Ein von der EU gefördertes Vorzeigeprojekt hängt davon ab, wie ein NATO-Partner reagiert, der Ansprüche auf europäische Gewässer erhebt. Wenn Europa schon bei einer Vermessungsfahrt so zögert, wie soll es dann seine Energiesouveränität sichern? Es geht um Versorgungssicherheit, um Milliarden an Steuergeld und um die Glaubwürdigkeit Europas.
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