
Millionen-Loch in Magdeburg: Muss jetzt das Theater bluten?

Die AfD-Fraktion im Magdeburger Stadtrat will an die Finanzierung des Theaters Magdeburg ran. Mit dem Antrag A0211/26 fordert sie von der Oberbürgermeisterin drei Sparmodelle, die den städtischen Zuschuss um drei, fünf oder sieben Millionen Euro im Jahr senken würden. Am 5. November berät der Stadtrat darüber. Das Haus, 2025 zum „Theater des Jahres“ gekürt, warnt vor dem Aus ganzer Sparten.
Die Rechnung, um die es geht
Die Zahlen sind gewaltig. Laut Wirtschaftsplan braucht das Mehrspartenhaus 2026 rund 41 Millionen Euro. Die Stadt soll davon etwa 21,8 Millionen tragen, das Land weitere 15,2 Millionen. Selbst einspielen würde das Theater demnach nur rund vier Millionen Euro.
Rechnet man nach, decken die Ticketkassen nicht einmal ein Zehntel der Kosten. Den Rest zahlt die Allgemeinheit, also auch Familien, die selten oder nie eine Opernpremiere besuchen. Seit 2024 ist der städtische Zuschuss laut Antrag außerdem um zwei Millionen Euro gestiegen.
Würde das härteste Modell umgesetzt, fiele der Zuschuss der Stadt auf etwa 14,8 Millionen Euro. Das wäre ein knappes Drittel weniger. Die drei Varianten entsprächen 14, 23 und 32 Prozent des städtischen Beitrags.
Kita-Gebühren oder Kulturbetrieb?
AfD-Fraktionschef Ronny Kumpf begründet den Vorstoß mit der Haushaltslage. Er stellt die Frage, die viele Bürger umtreibt:
„Bevor die Stadt die Kita-Beiträge erhöht, gibt es noch große Einsparpotenziale.“
Der Hintergrund ist ernst. Magdeburg schreibt seit Jahren keinen ausgeglichenen Haushalt. Im aktuellen Planentwurf fehlen 47 Millionen Euro. Am 5. November will der Stadtrat das Konsolidierungskonzept beschließen, am 7. Dezember den Haushalt 2027.
Konkrete Kürzungen nennt der Antrag nicht. Geprüft werden sollen für jede Sparte Kosten, Erlöse, Personal, Auslastung, Werkstätten und mögliche Kooperationen. Am Ende soll ein „Zukunftskonzept Theater Magdeburg 2030“ stehen. Eine Schließung sei ausdrücklich nicht das Ziel, heißt es in der Begründung. Gefragt werden müsse aber, ob die heutige Struktur auf Dauer bezahlbar sei.
Theater schlägt Alarm
Im Haus selbst ist die Sorge groß. Verwaltungsdirektorin Bettina Pesch spricht von einschneidenden Folgen für den Betrieb.
„Strukturelle Kürzungen würden unweigerlich die Schließung ganzer Sparten bedeuten“
Ohne massiven Personalabbau seien Einsparungen dieser Größe nicht zu schaffen, so Pesch. Mehr als 80 Prozent der Ausgaben entfielen auf Personal, das überwiegend tariflich gebunden sei. Das zeigt auch, wie wenig Spielraum öffentliche Kulturbetriebe haben, sobald die Kassen leer sind.
Gegenwind aus dem Stadtrat
Die anderen Fraktionen reagieren scharf. Linken-Fraktionschef Noah Biswanger nannte den Antrag ein „Sinnbild ihrer Kultur-Kahlschlaghammer-Politik“. SPD, Tierschutzallianz und Volt sehen das Theater in seiner Existenz bedroht. Die Gartenpartei kündigte an, Einsparungen bei Kultur und Sport nicht mitzutragen.
Mehr als eine Haushaltsfrage
Den Streit gibt es nicht im luftleeren Raum. Bei der Landtagswahl am 6. September holte die AfD Medienberichten zufolge 43,8 Prozent und wurde mit Abstand stärkste Kraft, verfehlte aber die absolute Mehrheit. Ihr kulturpolitischer Sprecher Hans-Thomas Tillschneider, seit Oktober Landtagsvizepräsident, prägte das Wahlprogramm mit. Das Programm wirbt für eine „patriotische“ Kulturpolitik mit mehr deutschen Stücken. Kritiker sehen darin einen Eingriff in die Kunstfreiheit.
Frühere Anträge der AfD, Fördergeld an Neutralitäts- oder Bekenntniserklärungen zu knüpfen, scheiterten in Stadtrat und Landtag. Generalintendant Julien Chavaz hatte vor politischem Druck gewarnt, einen vorauseilenden Kurswechsel aber ausgeschlossen. Der Theatervertrag mit dem Land läuft nach Angaben der Staatskanzlei noch bis Ende 2028.
Unabhängig davon, wer die Debatte angestoßen hat: Die Kernfrage bleibt. Wie viel Kultur kann sich eine Stadt leisten, der 47 Millionen Euro fehlen? Und warum sollen am Ende ausgerechnet junge Familien die Rechnung über höhere Kita-Gebühren bezahlen? Ehrlich beantwortet hat das bislang keine Seite.
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