
Öl, Chips und ein Fed-Chef, der schweigt: Die Märkte tanzen auf dem Vulkan
Es gibt Handelstage, an denen die Kurstafeln nicht mehr Preise anzeigen, sondern Nervenzustände. Der laufende Wochenmitte-Handel war so ein Tag. Der Brent-Kontrakt gab zunächst um fast fünf Prozent nach, weil Washington seine Angriffspause gegenüber dem Iran verlängerte – nur um am nächsten Morgen wieder um mehr als drei Prozent nach oben zu schießen, nachdem iranische Raketen eine US-Basis in Jordanien getroffen hatten und amerikanische sowie saudische Kräfte gemeinsam iranisch gestützte Milizen im Irak bombardierten. Zuvor war saudische Ölinfrastruktur angegriffen worden. Wer in dieser Gemengelage von „Beruhigung“ spricht, hat den Nahen Osten nie verstanden.
Donald Trump erklärte, die Pause diene der Diplomatie, man befinde sich in „sehr tiefen Gesprächen“ mit Teheran. Seine Geduld sei allerdings endlich: Entweder gehe es schnell – oder gar nicht. Parallel empfing er Israels Premier Netanjahu im Weißen Haus, wo laut Berichten auch eine mögliche Normalisierung zwischen Israel und Saudi-Arabien erörtert worden sei. Historisch wäre das ein Erdbeben. Für den Ölpreis wäre es ein Segen. Beides ist alles andere als gesichert.
Der Chip-Rausch bekommt Kopfschmerzen
Während die Geopolitik brodelt, brach an den Halbleiterbörsen etwas weg, das man dort lange für unzerstörbar hielt: das Vertrauen. Südkoreas KOSPI schloss mit einem Minus von 10,84 Prozent, nachdem früh im Handel die Circuit-Breaker gezogen werden mussten. Taiwans TAIEX verlor 4,65 Prozent. Samsung und SK Hynix stürzten jeweils um mehr als zehn Prozent ab – letzteres Unternehmen ausgerechnet nach einem Rekordergebnis, das die Analystenschätzungen dennoch verfehlte. Man muss sich das vergegenwärtigen: Rekordgewinne genügen nicht mehr. So sieht eine Bewertungsblase in ihrer Spätphase aus.
Der Ausverkauf schwappte über den Pazifik. Der NASDAQ 100 verlor knapp ein Prozent und liegt damit rund zehn Prozent unter seinen Juni-Höchststständen. Sandisk, Seagate und Micron gehörten zu den größten Verlierern. Als Begründung wird die Nervosität über die gigantischen Investitionsprogramme der Chipkonzerne genannt – jener „Circle of Life“ aus Beteiligungen, Übernahmen und gegenseitigen Kapitalspritzen quer durch die Branche, den Kritiker längst als Karussell bezeichnen, das die Kurse künstlich oben halte und die Erwartungen an kommende Quartalszahlen ins Absurde treibe. Geld, das im Kreis fließt, schafft keinen Wohlstand. Es schafft Buchhaltung.
Was in Australien passiert, sagt mehr über die Konjunktur als jede Prognose
Bemerkenswert war die Gegenbewegung: Europas Indizes tendierten fester, der S&P 500 gewann 0,2 Prozent, der Dow Jones über ein Prozent. Der australische ASX 200 stach heraus – wenig Technologie im Index, dafür ein Plus von 8,6 Prozent bei Viva Energy, das eine der letzten beiden Raffinerien des Kontinents betreibt und dank besserer Margen eine Verdoppelung des Halbjahresergebnisses erwartet. Der interessante Nebensatz liegt woanders: Die Absatzmengen fielen im Juni-Quartal um zwei Prozent, der Verbrauch von Gewerbe und Industrie sogar um 4,7 Prozent. Wer Konjunktur ohne Statistikkosmetik messen will, schaut auf verbrauchten Diesel. Und der wird weniger.
Ein Notenbankchef, der lieber hinter dem Vorhang bleibt
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Fed. Der Swapmarkt preist für diese Sitzung gut acht Basispunkte Erhöhung ein, für September eine vollständige Anhebung um 25 Basispunkte, eine weitere im März. Dass die Notenbank heute tatsächlich handelt, erwartet praktisch niemand – abweichende Stimmen im Gremium dürften es aber geben.
Spannender ist die kulturelle Kluft, die sich auftut. Unter Kevin Warsh gilt die Devise, weniger zu sagen. Der Zauberer behalte seine Macht, solange er hinter dem Vorhang bleibe – und wer keine Forward Guidance verkündet, kann sich auch nicht selbst in die Ecke reden lassen. Die australische Notenbank marschiert in die entgegengesetzte Richtung: Sie will kommunizieren, erklären, erreichen. Ihre eigene Umfrage brachte die weltbewegende Erkenntnis, dass die Bürger sich vor allem um steigende Lebenshaltungskosten sorgen und die Feinheiten der Geldpolitik nicht durchdringen. Man ahnt, wohin das führt: Notenbanken auf TikTok.
Vielleicht ist die schlichte Wahrheit, dass Bürger keine Erklärvideos brauchen, sondern eine Währung, die ihre Kaufkraft behält.
In Australien fiel die Jahresinflation immerhin auf 3,8 Prozent, die Kernrate auf 3,6 Prozent – beides unter den Erwartungen. Der Australdollar und kurze Staatsanleiherenditen gaben deutlich nach. Doch die Notenbank verweist unverdrossen auf eine Kette internationaler Angebotsschocks, und ein verengter globaler Energiemarkt hat die Lage zweifellos verschärft.
Produktivität als Hoffnung – und als Illusion
Die große Hoffnung heißt Produktivität, und der weiße Ritter soll künstliche Intelligenz sein. Nur: Außerhalb der USA bleibt das Produktivitätswachstum blutarm, und ein statistisch belastbarer Zusammenhang zwischen den gigantischen KI-Investitionen und tatsächlichen Effizienzgewinnen ist bislang nicht erkennbar. Investitionen werden erst dann zu Wohlstand, wenn aus Inputs mehr Output entsteht – und wenn die physischen Materialien überhaupt verfügbar sind. Aluminium, Kupfer, Helium, Nickel: Der Schock in der Straße von Hormus hat schmerzhaft vorgeführt, wie dünn die Lieferketten sind, die unser Wohlstandsmodell tragen. Dazu ein Arbeitsmarkt, dem die Fachkräfte fehlen.
Für Deutschland ist das keine ferne Nachricht, sondern der Spiegel. Eine Industrie, die man energiepolitisch jahrelang mit ideologischen Experimenten quälte, steht Angebotsschocks nahezu wehrlos gegenüber. Wer Kernkraft abschaltet, Gas politisch verteuert und dann 500 Milliarden Euro Schulden als „Investitionsoffensive“ verkauft, schafft keine Produktivität – er schafft Zinslast für die Enkel. Der Bundeskanzler versprach im Wahlkampf, keine neuen Schulden zu machen. Man erinnert sich noch gut.
Was bleibt
Öl, das in Tagesabständen um fünf Prozent schwankt. Halbleiterkurse, die bei Rekordgewinnen einbrechen. Notenbanken, die entweder schweigen oder Erklärvideos erwägen. In einer solchen Welt zeigt sich der Wert von Vermögen, das keine Bilanz, keine Lieferkette und keinen Vorstand braucht. Physisches Gold und Silber haben in genau diesen Phasen ihre Rolle als Fundament eines breit gestreuten Vermögens stets bewiesen – nicht als Renditewunder, sondern als Versicherung gegen die Fehler anderer.
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