
Ölpreis-Absturz: Westliche Tanker fahren wieder für Moskau

Die Sanktionsarchitektur des Westens bekommt Risse — nicht durch Schmuggel, sondern durch legale Hintertüren. Weil russisches Urals-Öl im Juli auf den niedrigsten Stand seit fünf Monaten fiel, transportieren westliche Reeder wieder in großem Stil russisches Rohöl nach Asien. Das geht aus einer aktuellen Auswertung von S&P Global Commodity Insights hervor, die auf den Datenbanken Commodities at Sea und Maritime Intelligence Risk Suite basiert.
36,2 Prozent — Höchststand seit einem Jahr
Demnach liefen im Juli 36,2 Prozent aller russischen Rohölexporte über Tanker, die in G7-Staaten oder Partnerländern registriert sind, westlichen Eigentümern gehören oder von westlichen Versicherern gedeckt werden. Im Juni waren es 34,4 Prozent. Es ist der vierte Anstieg in Folge und der höchste Wert seit einem Jahr.
Besonders aktiv: griechische Reedereien. Ihre Transporte kletterten laut der Analyse von 24,9 Millionen Barrel im Juni auf 26,4 Millionen Barrel im Juli — der stärkste Monat seit fast drei Jahren. Zielhäfen liegen überwiegend in Indien und China, den beiden Großabnehmern russischen Öls.
Der Preisdeckel als unfreiwillige Einladung
Der Mechanismus ist so simpel wie ernüchternd. Der Preisdeckel verbietet westlichen Dienstleistern nicht den Transport russischen Öls — er verbietet ihn nur oberhalb einer Preisschwelle. Die USA erlauben Transporte unter 60 Dollar je Barrel, EU, Großbritannien und Kanada wenden inzwischen 47,60 Dollar an.
Und genau darunter rutschte der Markt: Urals-Öl ab dem Ostseehafen Primorsk kostete im Juli im Schnitt nur 52,93 Dollar, Anfang des Monats zeitweise sogar 39,72 Dollar. Als Grund nennt Platts vor allem die vorübergehende Entspannung im Nahen Osten und nachlassende Angst vor Lieferausfällen. Fällt der Preis, wächst der legale Spielraum — die Sanktion entwaffnet sich selbst.
88.070 Dollar am Tag: Risiko zahlt sich aus
Lukrativ ist das Geschäft ohnehin. Wegen erhöhter rechtlicher und operativer Risiken zahlen Charterer Aufschläge. Ein Aframax-Tanker auf der Route vom russischen Ust-Luga zum indischen Sikka erzielte Anfang August einen Tagesertrag von 88.070 Dollar — fast 20 Prozent über dem globalen Vergleichsindex.
2083 Schatten-Tanker und ein 21. Sanktionspaket
Den Hauptteil der Fracht bewegt weiter die sogenannte Schattenflotte: ältere Schiffe mit wechselnden Flaggen, undurchsichtigen Eigentümern und ohne westliche Versicherung. Ende Juni zählte S&P Global Energy CERA 2083 Tanker mit bestätigten oder mutmaßlichen Verbindungen zu Sanktionsverstößen.
Brüssel rüstet nach. Mit dem 21. Sanktionspaket vom Juli kamen 41 weitere Schiffe auf die Liste, die Erfassungskriterien wurden ausgeweitet, erstmals landeten auch Bunker- und Servicedienstleister sowie eine Crewing-Agentur im Visier. Ergebnis nach Dutzenden Listungen: Die Flotte wächst schneller, als Brüssel sie erfassen kann — so lesen es Kritiker der Sanktionsstrategie.
Weniger Menge, mehr Optionen
Russland exportierte im Juli durchschnittlich 4,3 Millionen Barrel Rohöl pro Tag: sieben Prozent weniger als im Juni, aber 26 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der eigentliche Gewinn für Moskau liegt laut der Analyse nicht in höheren Mengen, sondern in mehr verfügbaren Schiffen und wieder legalen Transportwegen.
Für Europas Bürger bleibt eine unbequeme Bilanz: vier Jahre Sanktionsrhetorik, hohe Energiekosten im Inland — und russisches Öl fließt weiter, nun teils wieder unter westlicher Flagge. Wer Vermögen gegen geopolitische Brüche und Energiepreisschocks absichern will, findet in physischem Gold und Silber traditionell eine bewährte Beimischung.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Wir geben keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen. Jeder Anleger sollte eigene Recherchen anstellen und trägt die Verantwortung für seine Entscheidungen selbst.
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