
Orbán an die UN-Spitze? Washington, Moskau und Peking im Gleichschritt

Ein Plan, der die Diplomatie aufmischt: Die US-Regierung unter Donald Trump soll Ungarns früherem Ministerpräsidenten Viktor Orbán nahegelegt haben, sich um den Posten des UN-Generalsekretärs zu bewerben. Wie das Wall Street Journal in einem Leitartikel unter Berufung auf Regierungsquellen aus drei Ländern berichtet, sollen auch Russland und China einer gemeinsamen Kandidatur grundsätzlich offen gegenüberstehen. Entschieden ist noch nichts.
Die Idee kam aus Washington
Brisant ist vor allem, wer den Stein ins Rollen gebracht haben soll. Laut dem Bericht hätten amerikanische Vertreter Orbán selbst auf den Gedanken gebracht. In Gesprächen über die Guterres-Nachfolge sei auf US-Seite immer wieder der Wunsch nach „jemandem wie Orbán“ gefallen, Russen und Chinesen hätten zugestimmt.
Ein Vertreter des US-Außenministeriums räumt dem Bericht zufolge ein, dass die Idee auf den ersten Blick verrückt klinge. Ein anderer US-Beamter soll Orbán als Traumkandidaten der konservativen MAGA-Bewegung bezeichnet haben. Die übrigen Bewerber, so eine weitere Quelle, seien vor allem „Sekretäre“, also Verwaltungsprofis. Orbán dagegen sei ein „General“.
Die Rechnung im Sicherheitsrat
Gewählt wird nicht von der Weltöffentlichkeit, sondern von 15 Staaten. Ein Kandidat braucht im UN-Sicherheitsrat mindestens neun Stimmen, und keines der fünf ständigen Mitglieder darf ein Veto einlegen. Erst danach bestätigt die Generalversammlung die Wahl, was als Formsache gilt.
Nach Angaben aus dem US-Außenministerium habe Orbán acht Stimmen bereits sicher, zehn gälten als erreichbar. Wenn Washington, Moskau und Peking an einem Strang ziehen, ist das in New York ein seltenes Bild und ein enormer Hebel. Offen bleibt, wie sich London und Paris verhalten. Beide haben ebenfalls ein Vetorecht, nutzen es aber traditionell nur zurückhaltend.
Ein Rennen ohne Favoriten
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. António Guterres verlässt das Amt am 31. Dezember. Nach sechs Probeabstimmungen im Sicherheitsrat, die letzte fand am 16. Oktober statt, zeichnet sich bislang kein klarer Sieger ab. Im Rennen sind unter anderem Costa Ricas frühere Vizepräsidentin Rebeca Grynspan, IAEA-Chef Rafael Grossi und Guyanas UN-Botschafterin Carolyn Rodrigues Birkett. Erst vor wenigen Tagen kam die Diplomatin Lana Nusseibeh aus den Vereinigten Arabischen Emiraten hinzu.
Nach dem üblichen Rotationsprinzip wäre eigentlich Lateinamerika an der Reihe. Ausgerechnet Annalena Baerbock, inzwischen Präsidentin der UN-Generalversammlung, wirbt seit Monaten öffentlich dafür, dass erstmals eine Frau das Amt übernimmt. Medienberichten zufolge stieß das in Washington und Moskau auf Kritik. Ein Ungar mit Ecken und Kanten passt in dieses Drehbuch so gar nicht.
Vom Wahlverlierer zum Weltdiplomaten?
Orbán hatte die ungarische Parlamentswahl im April verloren, obwohl Trump und Vizepräsident J.D. Vance ihn offen unterstützt hatten. Seit Mai regiert in Budapest Péter Magyar. Brüssel sah in Orbán jahrelang einen Störenfried, Kritiker werfen ihm den Abbau rechtsstaatlicher Standards vor. Seine Anhänger loben dagegen seinen Kurs gegen Massenmigration und seine Gesprächskanäle nach Ost und West.
Genau darin liegt die Pointe. Ein Mann, mit dem die EU-Spitze kaum noch reden wollte, könnte plötzlich derjenige sein, auf den sich die drei mächtigsten Rivalen der Welt einigen. Für die selbstgewisse Brüsseler Diplomatie wäre das eine schallende Ohrfeige.
Orbán wartet ab
Orbán selbst soll laut dem Bericht interessiert, aber vorsichtig reagiert haben. Er wolle nur antreten, wenn er realistische Siegchancen sehe. Eine öffentliche Stellungnahme habe er abgelehnt.
Eine Ankündigung könnte nach Angaben einer mit den Gesprächen vertrauten Quelle frühestens nach den US-Zwischenwahlen Anfang November kommen. Bis dahin bleibt die spannende Frage, ob die Vereinten Nationen nach Jahren der Bedeutungslosigkeit einen Verwalter bekommen oder einen Machtpolitiker.
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