
Özil gegen die FIFA: Wer misst hier eigentlich mit zweierlei Maß?

Mesut Özil will Russland zurück auf der großen Fußballbühne sehen. Nach einem Veteranenspiel zwischen Istanbul Başakşehir und Zenit St. Petersburg warf der Weltmeister von 2014 dem Weltverband FIFA vor, Russland und Israel ungleich zu behandeln. Sein Wort für die Sache: „Doppelmoral“.
Der Appell aus Istanbul
Laut einem Bericht der Bild-Zeitung sagte Özil nach der Partie, die die Türken mit 3:2 gewannen:
„Wie Sie wissen, gab es kein Embargo gegen Teams aus Israel, aber gegen russische. Ich möchte an der Stelle an die FIFA appellieren: Ich hoffe, dass sie Doppelmoral beiseiteschieben und alle gleich behandeln.“
Fußball habe Menschen immer zusammengebracht, egal welcher Herkunft oder Religion, so der frühere Real- und Arsenal-Star. Das klingt versöhnlich. Der Ort, an dem er es sagte, ist allerdings alles andere als unpolitisch.
Zenit gilt als Lieblingsklub von Wladimir Putin. Başakşehir wiederum wird von Recep Tayyip Erdoğan unterstützt. Ein harmloses Kicken alter Herren war das also eher nicht, sondern ein Freundschaftsspiel mit Botschaft.
Ein Mahner mit eigener Agenda
Ausgerechnet Özil spricht von Doppelmoral. Seit 2025 sitzt er im Vorstand von Erdoğans Regierungspartei AKP. Im Jahr 2024 teilte er auf Instagram mehrfach eine Landkarte, auf der Israel durchgestrichen und durch „Palestine“ ersetzt war. Wer so auftritt, nimmt man als Hüter der Gleichbehandlung nur schwer ernst.
Viele Fans erinnern sich zudem noch an das Jahr 2018. Damals posierte Özil vor der WM mit Erdoğan für ein Foto, und nach dem Vorrunden-Aus trat er im Streit aus der Nationalmannschaft zurück. Dem DFB hielt er damals Rassismus vor. Seine Karriere beendete er 2023, heute lebt er in Istanbul.
Eine Ironie fällt dabei auf: Der Mann, der mehr Neutralität im Sport fordert, ist inzwischen selbst Berufspolitiker.
Die FIFA ist längst auf Rückkehrkurs
Inhaltlich rennt Özil ohnehin offene Türen ein. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 hatten FIFA und UEFA alle russischen Klubs und Auswahlteams ausgeschlossen. Offiziell begründet wurde das allerdings mit der Gefahr für die „Integrität des Wettbewerbs“ und nicht mit dem Angriffskrieg selbst.
Inzwischen bröckelt die Front. FIFA-Präsident Gianni Infantino sagte im Februar dem britischen Sender Sky, man müsse das Verbot aufheben, zumindest bei den Jugendteams. Die Sperre habe nichts gebracht und nur zu mehr Frustration und Hass geführt. Für die U15-WM, die vom 22. bis 31. Oktober in Aserbaidschan läuft, waren Medienberichten zufolge auch Russland und Belarus eingeladen. Im Juli hob zudem das IOC die Suspendierung des Russischen Olympischen Komitees vorläufig auf.
Der Zickzackkurs der Funktionäre
Glaubwürdig wirkt das alles nicht. Schon 2023 wollten FIFA und UEFA russische U17-Teams wieder zulassen. Nach Boykottdrohungen mehrerer europäischer Verbände ruderten sie zurück. Bei der WM 2026 fehlte Russland, obwohl Infantino seit Monaten für eine Rückkehr wirbt.
Sport bleibt Spielball der Politik
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Seit Jahren nutzen Verbände, Regierungen und Funktionäre den Fußball als Bühne für Symbolpolitik. Das reicht von Armbinden-Debatten bis zu Sanktionen, die mal so und mal so ausgelegt werden. Klare und überprüfbare Regeln, die für alle gelten, sind nicht in Sicht.
So entsteht ein Vakuum, und Leute wie Özil füllen es mit ihren eigenen politischen Botschaften. Der Ukraine-Krieg geht derweil unvermindert weiter. Eine Rückkehr Russlands mitten im Krieg wäre auch ein politisches Signal, das sich mit schönen Worten über Völkerverständigung nicht verpacken lässt.
Ob die FIFA sich am Ende von Prinzipien leiten lässt oder doch nur von Fernsehgeldern und Machtpolitik, bleibt abzuwarten. Viel Vertrauen in die Funktionäre in Zürich haben die Fans nach den vergangenen Jahren jedenfalls nicht mehr.
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