
Sabotage-Serie am Stromnetz: Bundesweite Fahndung nach einem Mann

Erst Brandenburg, dann das Rheinland â und nun Dormagen: Nahe einem Umspannwerk im Stadtteil Gohr hat ein SpaziergĂ€nger am Donnerstagabend gegen 18.15 Uhr mehrere Abschussvorrichtungen auf einem Feld entdeckt. Die Polizei spricht von einem gezielten Sabotagedelikt. Gefahndet wird nach einem Mann aus dem Raum Gevelsberg im Ennepe-Ruhr-Kreis.
Es ist bereits der dritte Fall binnen weniger Tage. Deutschlands Stromversorgung, das RĂŒckgrat jeder modernen Volkswirtschaft, steht offenbar im Visier eines Angreifers.
Zeitschaltuhren, Kupferdraht â und ein Ziel ĂŒber den Köpfen
Die Konstruktionen lagen Medienberichten zufolge direkt unter einer Hochspannungsleitung. Es soll sich um Vorrichtungen fĂŒr selbstgebaute Raketen handeln, an denen Zeitschaltuhren und KupferdrĂ€hte befestigt waren. Das Prinzip ist so simpel wie brutal: Draht auf die Leitung schieĂen, Kurzschluss auslösen.
âJemand hat offenbar versucht, mutwillig einen Kurzschluss herbeizufĂŒhrenâ, sagte ein Sprecher der Kölner Polizei.
Ein Schaden entstand in Dormagen nach bisherigen Erkenntnissen nicht. Ob die Vorrichtungen funktionsfĂ€hig waren oder spĂ€ter zĂŒnden sollten, ermitteln die Behörden noch. Die Polizei sperrte weitrĂ€umig ab, ein Hubschrauber kreiste ĂŒber den Feldern, weitere Umspannwerke wurden kontrolliert.
Ein Bekennerschreiben â mit Namen und Adresse
Den Ermittlern liegen nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios zwei handschriftliche Bekennerschreiben vor. Der Verfasser wende sich gegen die fossile Energieindustrie und benenne weitere mögliche Tatorte, darunter Bergheim-Rheidt, Gohr, Dormagen und Weisweiler. Entsprechend durchsuchte die Polizei auch das KraftwerksgelÀnde in Weisweiler bei Aachen.
Gesucht wird laut WDR ein Mann mit Jahrgang 1977. An seinem Wohnort habe es einen SEK-Einsatz gegeben â festgenommen wurde nach Beobachtung eines Reporters vor Ort niemand. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) zeigte sich gegenĂŒber dem WDR verwundert:
âDas Bekennerschreiben ist insofern interessant, weil es mit dem persönlichen Namen unterschrieben ist â und mit der Adresse, das hat man eigentlich selten. Das haben wir noch nie erlebt.â
FĂŒr den Gesuchten gilt die Unschuldsvermutung. Ob die Schreiben echt sind, wird geprĂŒft.
4.200 Megawatt weg â in Sekunden
Wie ernst die Lage ist, zeigt der Dienstag: In Bergheim bei Köln und im brandenburgischen JĂ€nschwalde wurden Umspannwerke attackiert. Nach Angaben von RWE gingen fĂŒnf Braunkohleblöcke mit 4.200 Megawatt KapazitĂ€t vom Netz; rund 3.000 Megawatt hatten sie zum Tatzeitpunkt eingespeist. Die NetzstabilitĂ€t hielt â diesmal.
Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) erklĂ€rte, die Anzeichen verdichteten sich, dass beide Attacken Teil eines koordinierten Angriffs auf die Energieversorgung seien. Das Landeskriminalamt ermittelt unter anderem wegen Störung öffentlicher Betriebe und wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung nach Paragraf 129a StGB. Der Generalbundesanwalt prĂŒfe, den Fall zu ĂŒbernehmen.
Wie verwundbar ist Deutschland wirklich?
Das Bundeswirtschaftsministerium sprach gegenĂŒber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland von einer âernst zu nehmenden Gefahrâ und mahnte, die Resilienz des Stromsystems konsequent zu stĂ€rken. Am Freitagmorgen rĂŒckte die Polizei zudem zu einem Umspannwerk im niedersĂ€chsischen Ganderkesee aus â zunĂ€chst wegen âverdĂ€chtiger UmstĂ€ndeâ.
Aus Sicht unserer Redaktion legen diese Tage eine unbequeme Wahrheit offen: Ein Land, das seine ErzeugungskapazitĂ€ten politisch verknappt hat, wird durch Bastelware auf einem Acker angreifbar. Wer Versorgungssicherheit predigt, muss sie auch physisch schĂŒtzen â und nicht erst, wenn SpaziergĂ€nger die Ermittlungsarbeit ĂŒbernehmen.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die EinschĂ€tzung der Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Rechtsberatung und keine Anlageberatung dar. FĂŒr eigene Entscheidungen ist jeder Leser selbst verantwortlich.

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