
Sturm auf Nationalgarde bei Kiew: Folter-Vorwurf oder Provokation?

Steine, Feuerwerkskörper, Tränengas: In Petropawliwska Borschtschahiwka, einem Vorort am westlichen Stadtrand von Kiew, hat am Montag, dem 2. November, eine aufgebrachte Menge eine Unterkunft der ukrainischen Nationalgarde angegriffen. Auslöser waren Gerüchte in sozialen Netzwerken, wonach Soldaten dort Dutzende Männer im Keller gefangen halten und foltern würden. Die Behörden weisen das entschieden zurück.
Eine Nacht der Eskalation
Ukrainischen Medien zufolge rückten rund hundert Menschen gegen das Gebäude vor. Andere Berichte vor Ort sprechen sogar von etwa 200 Beteiligten. Sie warfen Steine und Eier, zündeten Pyrotechnik und demolierten Fahrzeuge. Die Auseinandersetzungen zogen sich bis tief in die Nacht.
Als junge Männer einen Teil der Ziegelmauer um das unscheinbare Wohnhaus einrissen, setzten die Gardisten Medienberichten zufolge Tränengas ein und gaben Warnschüsse in die Luft ab. Später verließen 17 Männer das Grundstück und bestiegen einen bereitstehenden Bus der Nationalgarde.
Im Netz kursierten zuvor dramatische Behauptungen: Rund vierzig Menschen würden im Keller festgehalten und misshandelt, einer sei sogar gestorben. Die Polizei bestritt, dass es Geiseln oder einen Todesfall gegeben habe. Die Nationalgarde wies auch die Foltervorwürfe zurück.
Was steckte wirklich in dem Haus?
Nach Darstellung von Nationalgarde-Kommandant Oleksandr Piwnenko waren dort frisch mobilisierte Soldaten untergebracht. Dazu kamen Militärangehörige, die ihre Einheiten ohne Erlaubnis verlassen hatten. Das Gebäude diene als Zwischenstation zwischen Musterung und Grundausbildung, heißt es in Berichten.
Vier Männer aus der Unterkunft mussten im Krankenhaus behandelt werden. Woher ihre Verletzungen stammen, ist bislang offen. Genau an diesem Punkt beginnt das große Fragezeichen dieser Geschichte.
Budanow persönlich am Brennpunkt
Wie ernst Kiew die Lage nahm, zeigt ein Detail: Kyrylo Budanow, inzwischen Leiter des Präsidentenbüros, erschien am späten Abend selbst und stellte sich mitten in die Menge. Später nannte er die Vorgänge inakzeptabel. Am nächsten Morgen erklärte er, die Ereignisse seien nachweislich nicht ohne äußere Einflussnahme abgelaufen. Die Drahtzieher würden ermittelt und bestraft.
Tatsächlich mehren sich Zweifel an der Ausgangserzählung. Eine Frau, die sich als Sanitäterin eines privaten Rettungsdienstes ausgegeben und die Vorwürfe maßgeblich verbreitet haben soll, ist laut ukrainischen Medien eigentlich Kosmetikerin. Die genannte Firma soll seit 2023 gar nicht mehr existieren. Die Behörden haben die Frau Berichten zufolge festgenommen. Belege für eine russische Steuerung gibt es bislang aber nicht.
Das eigentliche Pulverfass heißt Mobilisierung
Ob gezielte Provokation oder nicht: Der Zorn auf der Straße ist echt. Seit Jahren berichten ukrainische Medien über gewaltsame Zwangsrekrutierungen, über Männer, die von der Straße weg in Kleinbusse gezerrt werden. Angriffe auf Rekrutierungsoffiziere häufen sich. Eine Reform des Verfahrens und eine funktionierende Militärjustiz hat die Führung um Präsident Selenskyj nach Einschätzung von Beobachtern immer wieder verschleppt.
Die Militär-Ombudsfrau Olha Reschetylowa hat sich eingeschaltet. Die Nationalgarde kündigte eine interne Untersuchung an und will die Soldaten aus dem Gebäude abziehen. Eine interne Untersuchung? Wer soll so einer Prüfung in eigener Sache eigentlich vertrauen? Gerade in einem Land, dessen Image ohnehin von Korruptionsaffären belastet ist.
Warum das auch Berlin angeht
Für deutsche Steuerzahler ist der Vorfall keine ferne Randnotiz. Die Bundesregierung unter Friedrich Merz überweist Milliarden nach Kiew, stets mit dem Verweis auf gemeinsame Werte. Umso berechtigter ist die Forderung nach lückenloser, unabhängiger Aufklärung. AfD-Chefin Alice Weidel verlangte bereits, die Bundesregierung müsse den Vorfall gegenüber Kiew ansprechen.
Bemerkenswert: Laut einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie von Ende Oktober wollen 63 Prozent der Ukrainer den Krieg so lange wie nötig durchstehen. Doch die Nacht von Petropawliwska Borschtschahiwka zeigt, wie dünn die Geduld im Hinterland geworden ist. Wer Solidarität einfordert, schuldet seinen Bürgern und seinen Geldgebern vor allem eines: Transparenz.
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