
Syriens Christen vor dem Aus: Wie ein altes Kulturvolk aus seiner Heimat gedrängt wird

Es ist eine der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt, die gerade vor unseren Augen zu verschwinden droht. Während sich westliche Politiker für ihre kurzsichtigen außenpolitischen Manöver feiern lassen, schlägt ein Mann aus Berlin Alarm: Mill Gorgis, Diakon der syrisch-orthodoxen Kirche, warnt mit drastischen Worten vor dem, was viele längst befürchten. Syrien, so Gorgis am Rande einer Veranstaltung des evangelischen Zentrums Oekumene in Frankfurt, drohe zu einem christenfreien Raum zu werden.
Die Islamisierung schreitet mit erschreckendem Tempo voran
Nach Einschätzung des Diakons treibe die neue Führung um Interimspräsident Ahmed al-Scharaa eine systematische Islamisierung des einst kulturell und religiös vielfältigen Landes voran. Und die Beispiele, die er nennt, lassen aufhorchen: Geschlechtertrennung in Schulen, Universitäten und im öffentlichen Nahverkehr. Leitende Posten in der Justiz, die zunehmend mit Juristen besetzt würden, die islamischen Geistlichen nahestünden. Wer hier noch von einem demokratischen Aufbruch träumt, der sollte schleunigst aufwachen.
Besonders bezeichnend: Der einst gepflegte Dialog zwischen führenden islamischen Autoritäten und christlichen Bischöfen sei vollständig zum Erliegen gekommen. Stattdessen, so berichtet Gorgis, würden über Moscheelautsprecher Predigten verbreitet, die Andersgläubige offen herabsetzten. Im Religionsunterricht werde den Kindern eingetrichtert, Christen und Juden seien „von Gott geschlagen“. Man muss sich diese Worte auf der Zunge zergehen lassen, um zu begreifen, welch giftige Saat hier gesät wird.
Vom Verächtlichmachen zur Tat ist es nur ein kleiner Schritt
„Die neuen Machthaber sind keine Brückenbauer, sie betonen das Trennende zwischen den Religionen und äußern Verachtung für Andersdenkende“, so der Diakon.
In sozialen Medien kursierten laut Gorgis Videos, in denen Nicht-Sunniten als „Schweine“ beschimpft würden. Seine nüchterne Warnung trifft ins Mark: „Der Schritt vom Verächtlichmachen bis zur Tat ist nicht groß.“ Wer die Geschichte kennt, weiß, wie wahr dieser Satz ist. Während Alawiten und Drusen bereits Opfer von Massakern geworden seien, hätten Christen bislang vor allem aggressive Missionsversuche, zerstörte Kreuze und beschädigte Kirchenglocken erleben müssen. Wie lange noch?
Ein Volk schwindet: Von zwei Millionen auf 350.000
Die Zahlen sprechen eine bittere Sprache. Machten Christen im Jahr 1970 mit rund zwei Millionen Menschen noch etwa 18 Prozent der syrischen Bevölkerung aus, seien es heute höchstens noch 350.000 – gerade einmal zwei kümmerliche Prozent. „Radikale lassen die Christen spüren, dass sie in Syrien unerwünscht sind“, sagt Gorgis. Eltern fragten sich, ob ihre Kinder im Land überhaupt noch eine Zukunft hätten.
Und was tut der Westen?
Hier drängt sich die unbequeme Frage auf: Wo bleibt der laute Aufschrei jener, die sich sonst bei jeder Gelegenheit zu moralischen Welterklärern aufschwingen? Wenn im Nahen Osten ein uraltes christliches Erbe ausgelöscht wird, herrscht in Berlin und Brüssel verdächtiges Schweigen. Stattdessen werden mit neuen Machthabern, deren Vergangenheit alles andere als lupenrein ist, eilig Hände geschüttelt. Es gehört zu den traurigen Konstanten unserer Zeit, dass der Schutz verfolgter Christen offenbar weit unten auf der politischen Prioritätenliste rangiert – ein Umstand, den ein Großteil der Bürger mit wachsendem Unverständnis verfolgt.
Während das physische Gold der Geschichte – das kulturelle und religiöse Erbe einer Region – unwiederbringlich verloren geht, bleibt nur die Erkenntnis: Wer sich nicht auf beständige Werte verlässt, verliert am Ende alles. Diese Lektion gilt für Völker wie für jeden Einzelnen, der in unsicheren Zeiten nach echter Beständigkeit sucht.
Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion sowie die wiedergegebenen Aussagen Dritter zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Er stellt keine politische, rechtliche oder anlagebezogene Beratung dar. Jeder Leser ist angehalten, sich eigenständig zu informieren und eine eigene Meinung zu bilden.
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