
Trumps Rekord-Rede: Fast zwei Stunden Selbstbeweihräucherung und ein „goldenes Zeitalter", das auf tönernen Füßen steht
Es war ein Abend der Superlative – zumindest, was die Redezeit betrifft. US-Präsident Donald Trump hat mit seiner jüngsten Ansprache zur Lage der Nation einen historischen Rekord gebrochen: Eine Stunde und 47 Minuten dauerte das Spektakel im Kapitol, womit er den bisherigen Rekordhalter Bill Clinton aus dem Jahr 2000 um satte 20 Minuten übertrumpfte. Ob die Länge der Rede auch mit der Qualität ihres Inhalts korrelierte, darf indes bezweifelt werden.
Das „goldene Zeitalter" – oder doch nur vergoldeter Lack?
„Unsere Nation ist zurück – größer, besser, wohlhabender und stärker als je zuvor", verkündete Trump vor den versammelten Kongressmitgliedern. Er sprach von einem „goldenen Zeitalter Amerikas" und einer „Transformation, wie sie noch niemand zuvor gesehen hat". Die republikanischen Abgeordneten erhoben sich pflichtschuldig immer wieder zum Applaus, begleitet von rhythmischen „USA-USA"-Sprechchören. Ein Bild, das an Inszenierungen erinnert, die man eher aus autoritären Staaten kennt als aus der ältesten Demokratie der westlichen Welt.
Doch die Realität erzählt eine andere Geschichte. Während Trump behauptete, die Inflation sinke rapide, zeigten frisch veröffentlichte Wirtschaftsdaten ein deutlich düstereres Bild: Die US-Wirtschaft hatte sich im letzten Quartal stärker als erwartet verlangsamt, während die Inflation tatsächlich anstieg. Ein Widerspruch, den der Präsident geflissentlich ignorierte. Hinzu kommt, dass das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten einen Großteil seiner aggressiven Zollpolitik für unrechtmäßig erklärt hatte – ein juristischer Paukenschlag, den Trump lapidar als „sehr unglücklich" abtat.
Iran-Drohungen ohne Belege
Besonders brisant waren Trumps Äußerungen zum Iran. Der Präsident warf Teheran vor, an Raketen zu arbeiten, die „bald die Vereinigten Staaten von Amerika erreichen werden". Belege für diese schwerwiegende Behauptung? Keine. Stattdessen die gewohnte Mischung aus Drohgebärden und vagen Diplomatie-Versprechen. „Ich ziehe es vor, dieses Problem auf diplomatischem Wege zu lösen", erklärte Trump, um im selben Atemzug klarzustellen, dass er dem Iran unter keinen Umständen den Besitz von Atomwaffen gestatten werde.
Die Spannungen zwischen Washington und Teheran haben sich in den vergangenen Monaten dramatisch verschärft – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der israelischen Großangriffe auf iranische Atomanlagen im Juni 2025 und der iranischen Vergeltungsschläge. Die USA haben ihre Militärpräsenz in der Region massiv ausgebaut. Dass Trump militärische Maßnahmen gegen den Iran nicht ausgeschlossen hat, lässt die Welt nervös werden. Seit Anfang Februar laufen unter Vermittlung des Oman indirekte Gespräche über das iranische Atomprogramm in Genf – deren Ausgang jedoch völlig ungewiss bleibt.
Zum Ukraine-Krieg: ohrenbetäubendes Schweigen
Bemerkenswert war, was Trump nicht sagte. Zum andauernden Krieg in der Ukraine verlor der US-Präsident kaum ein Wort. Ein Konflikt, der Europa seit über drei Jahren in Atem hält, Hunderttausende Menschenleben gefordert hat und die geopolitische Ordnung des Kontinents fundamental erschüttert – und der mächtigste Mann der Welt schweigt dazu. Für die europäischen Verbündeten, allen voran Deutschland, sollte dies ein unmissverständliches Signal sein: Auf Washington ist kein Verlass. Europa muss endlich lernen, seine Sicherheit selbst in die Hand zu nehmen.
Epstein-Akten und ein Eklat im Plenarsaal
Für zusätzliche Brisanz sorgte die erzwungene Freigabe der Akten zum verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Trump hatte sich zunächst gegen eine Veröffentlichung gesperrt, war dann aber eingeknickt. Auf Einladung der Opposition saßen mehrere Epstein-Opfer während der Rede im Kapitol – eine stille, aber wirkungsvolle Anklage.
Zum Eklat kam es, als der demokratische Abgeordnete Al Green aus dem Plenarsaal entfernt wurde. Er hatte Trump ein Schild mit der Aufschrift „Schwarze Menschen sind keine Affen" entgegengehalten – offenbar eine Reaktion auf ein Video, das Trump zuvor in den sozialen Medien geteilt hatte und in dem der ehemalige Präsident Barack Obama sowie die ehemalige First Lady Michelle Obama als Affen dargestellt worden waren. Ein Vorgang, der in jeder zivilisierten Demokratie für einen Aufschrei sorgen müsste.
Migration als Dauerbrenner – und ein Seitenhieb auf die Demokraten
Erwartungsgemäß nutzte Trump seine Rekord-Rede auch für scharfe Attacken gegen die Demokraten und deren Migrationspolitik. „Sie sollten sich schämen", rief er in den Saal. Sogenannte Zufluchtsstädte unter demokratischer Kontrolle würden die Abschiebung „krimineller Ausländer" blockieren und damit „Drogenbosse und Mörder" im ganzen Land schützen. Unabhängig davon, wie man zu Trumps polarisierender Rhetorik steht: Das Thema unkontrollierte Migration und die damit einhergehenden Sicherheitsprobleme sind keineswegs nur ein amerikanisches Phänomen. Auch in Deutschland erleben wir seit Jahren die Folgen einer verfehlten Migrationspolitik – steigende Kriminalität, überlastete Kommunen und eine zunehmend verunsicherte Bevölkerung.
Der demokratische Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer, fasste seine Kritik an der Trump-Regierung in drei Worten zusammen: „Kosten, Chaos, Korruption." Trumps Darstellung passe nicht zum Alltag der amerikanischen Bürger. Dutzende demokratische Abgeordnete hatten die Veranstaltung gleich ganz boykottiert.
Was bleibt von dieser Rekord-Rede?
Am Ende bleibt der Eindruck einer meisterhaften Inszenierung, die jedoch bei näherer Betrachtung mehr Fragen aufwirft als sie beantwortet. Die wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen stehen im Widerspruch zu den tatsächlichen Daten. Die außenpolitischen Drohungen gegenüber dem Iran entbehren jeder Grundlage. Und der Ukraine-Krieg wird schlicht ignoriert. Trumps „goldenes Zeitalter" könnte sich bei genauerem Hinsehen als das erweisen, was es ist: eine glänzende Fassade, hinter der die Risse immer tiefer werden. Für Europa und insbesondere für Deutschland bedeutet dies vor allem eines – die eigene wirtschaftliche und sicherheitspolitische Souveränität muss endlich oberste Priorität bekommen. Wer sich auf die Versprechen anderer verlässt, der ist bekanntlich verlassen.












