
Umfrage-Schwindel vor US-Wahl: Wie Fake-Zahlen die New York Times narrten

Nicht einmal zwei Wochen vor den Zwischenwahlen zum US-Kongress am 3. November erschüttert ein Fälschungsskandal die amerikanische Umfragebranche. Das selbst ernannte Institut Wedgewood Polls hat zugegeben, dass es den Großteil seiner Daten schlicht erfunden hat. Zitiert und ausgewertet wurden die Zahlen trotzdem, auch von der „New York Times“.
Ein Institut aus dem Nichts
Wedgewood tauchte Berichten zufolge erst im Juni 2026 auf. Wenige Monate später galten seine Zahlen bei vielen als seriöse Quelle. Die „New York Times“ führte laut eigener Redaktionsnotiz 15 Wedgewood-Erhebungen aus der Zeit von Juni bis Oktober in ihrer Umfragedatenbank. Die Analyseplattform Decision Desk HQ entfernte nach eigenen Angaben 17 Umfragen aus ihren Durchschnittswerten.
Auch Newsweek, The Hill, die Daily Beast und der Washington Examiner sollen Medienberichten zufolge die Fantasiezahlen weiterverbreitet haben. Den Schwindel bemerkte schließlich der Umfragedienst FiftyPlusOne, dem Ungereimtheiten aufgefallen waren. Er bat um eine Stellungnahme. Statt einer Antwort kam ein Geständnis auf X, das sich wie Spott liest.
„Wie leicht ist es für ein vollständig erfundenes Umfrageinstitut, Fuß zu fassen und ernst genommen zu werden? Die kurze Antwort: viel zu leicht.“
Wer hinter dem Projekt steckt, ist bis heute nicht geklärt. Das X-Konto wurde inzwischen gelöscht.
Ein Opfer aus Michigan?
Bei den Demokraten herrscht Entsetzen. Die Senatsbewerberin Mallory McMorrow aus Michigan sieht in den Fälschungen den Grund für ihr Scheitern in der Vorwahl. Wedgewood habe ihr Ende Juni Zustimmungswerte im einstelligen Bereich bescheinigt. Danach seien die Spenden eingebrochen, und Journalisten hätten ihren Rückzug gefordert. Die Vorwahl gewann am Ende der linke Politiker Abdul El-Sayed.
Ob die Kandidatur ohne die gefälschten Zahlen anders verlaufen wäre, lässt sich nicht beweisen. Der Fall zeigt aber, wie sehr Umfragen Politik machen. Sie bilden die Stimmung nicht nur ab, sie beeinflussen sie auch. Danach richten sich Spender, Redaktionen und am Ende die Wähler.
Trump spottet, die Branche zittert
Donald Trump ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen. „Die New York Times ist erwischt worden!“, schrieb der Präsident auf Truth Social. Seit Wochen zweifelt er an Umfragen, die den Republikanern eine empfindliche Niederlage vorhersagen und ihn selbst im Zustimmungstief sehen.
Der Fall steht nicht allein. Schon im August flog das angebliche Institut Median Strategies auf, das seine Fälschungen ebenfalls ein „soziales Experiment“ nannte. Laut einem Bericht des „Guardian“ soll ein 21-Jähriger dahintergestanden haben. FiftyPlusOne nimmt inzwischen auch die Zahlen der Firma SoCal Strategies nicht mehr auf, weil Zweifel an ihrer Echtheit bestehen. Brendan Carr, Chef der Medienaufsicht FCC, spricht von einem „erheblichen Anstieg“ fingierter Umfragen.
KI als Fälscherwerkzeug
Der Branchenverband AAPOR warnt vor einem grundsätzlichen Vertrauensverlust in Meinungs- und Wahlumfragen. Künstliche Intelligenz mache das Fälschen leichter. FiftyPlusOne bringt es nüchtern auf den Punkt: Schlechte Umfragen seien immer einfacher zu machen, gefälschte ebenso.
Ein Lehrstück, auch für Deutschland
Dass Umfragen danebenliegen, ist nicht neu. 1936 sagte das Magazin „Literary Digest“ einen klaren Sieg des Republikaners Alf Landon voraus. Gewonnen hat Franklin D. Roosevelt, und zwar haushoch. 2016 lagen viele Institute bei Trump gründlich falsch. Neu ist, dass die Zahlen jetzt nicht mehr nur falsch sind, sondern komplett erfunden.
Damit trifft der Skandal vor allem die großen Redaktionen, die sich gern als Hüter der Wahrheit sehen. Beobachter fragen zu Recht, wie ein Institut ohne erkennbare Geschichte so schnell bei der „New York Times“ landen konnte. Auch in Deutschland bestimmen Umfragen jede Woche die Schlagzeilen und Talkshows. Eine Zahl stimmt nicht schon deshalb, weil sie oft zitiert wird. Wer das vergisst, macht es Fälschern leicht.
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