
Urlaub nach Brüsseler Fahrplan: EU will Touristen künftig umlenken!

Brüssel hat ein neues Spielfeld gefunden: den Urlaub seiner Bürger. EU-Tourismuskommissar Apostolos Tzitzikostas kündigte am gestrigen Mittwoch an, innerhalb von sechs Monaten Empfehlungen vorzulegen, wie sich Reisende besser über Europa verteilen lassen. Laut einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur sollen überlaufene Hotspots entlastet und weniger bekannte Ziele gestärkt werden.
Halb Europa schläft in einer Handvoll Regionen
Der Grieche begründet den Vorstoß mit einer Zahl, die durchaus aufhorchen lässt:
«Die Hälfte der touristischen Übernachtungen in Europa konzentriert sich auf lediglich 13 Prozent der Regionen»
Gerade im Hochsommer stießen beliebte Ferienorte an ihre Grenzen, so der Kommissar. Brüssel wolle deshalb nicht mehr bloß steigende Besucherzahlen feiern. Künftig sollten auch die Interessen der Einheimischen stärker zählen.
Dass es ein Problem gibt, bestreitet kaum jemand. Medienberichten zufolge dürfte Spanien in diesem Jahr erstmals mehr als 100 Millionen ausländische Gäste zählen. Auf Mallorca gingen Ende Juli Zehntausende unter dem Motto „Mallorca am Limit“ auf die Straße. Und Santorin empfängt jährlich rund 3,4 Millionen Besucher – bei etwa 15.000 Einwohnern.
Große Worte, kaum Konkretes
Wie die Kommission das Reiseverhalten von Millionen Menschen beeinflussen will, bleibt allerdings ihr Geheimnis. Verbindliche Vorgaben für Urlauber sind bislang nicht vorgesehen. Für Tourismusregeln sind weiterhin die Mitgliedstaaten zuständig.
Die Werkzeugkiste ist trotzdem gut gefüllt. Neben den Empfehlungen plant Brüssel:
- eine europäische Tourismusakademie,
- einen besseren Datenaustausch zwischen den Staaten,
- Investitionen in die Infrastruktur,
- mehr Augenmerk auf den Kreuzfahrttourismus, dessen Passagiermassen Hafenstädte zeitgleich überrollen können.
Das bekannte Muster aus Brüssel
Kritiker dürften hier ein vertrautes Schema erkennen. Am Anfang stehen „unverbindliche Empfehlungen“, danach folgen Leitlinien, Förderprogramme mit Auflagen und neue Gremien. Am Ende redet die EU in einem Bereich mit, der nach ihren eigenen Verträgen national geregelt ist. Eine Kompetenz im engeren Sinne hat Brüssel beim Tourismus nicht, den eigenen Einfluss baut die Kommission trotzdem aus.
Dabei haben die betroffenen Orte längst eigene Antworten gefunden. Venedig etwa verlangt von Tagestouristen an bestimmten Tagen bis zu zehn Euro Eintritt. Muss Brüssel wirklich eine Akademie gründen, um Bürgermeistern auf Mallorca oder in Dubrovnik zu erklären, was vor ihrer Haustür passiert?
Eine Branche mit Milliardengewicht
Für die Wirtschaft geht es um viel. Nach Angaben der Kommission arbeiten mehr als 20 Millionen Menschen in rund fünf Millionen Tourismusunternehmen. Die EU zieht etwa 40 Prozent aller Touristen weltweit an. Zugleich fehlen der Branche schätzungsweise eine Million Arbeitskräfte. Bis Ende 2027 dürfte sie rund 18 Milliarden Euro an EU-Hilfen erhalten haben, und zwar aus Töpfen, die zu einem großen Teil der deutsche Nettozahler füllt.
Das größte Problem der Branche ist also der Personalmangel. Ob ihn eine Tourismusakademie behebt? Viele Betriebe dürften eher auf weniger Bürokratie und niedrigere Abgaben hoffen.
Wer bestimmt, wohin die Reise geht?
Ob die Empfehlungen aus Brüssel die Feriengäste tatsächlich anders verteilen, bleibt abzuwarten. Die heikle Frage stellt sich trotzdem schon heute: Wie will man Reiseströme lenken, ohne die freie Entscheidung der Urlauber anzutasten?
Gerade deutsche Familien trifft diese Debatte. Sie sind an die Schulferien gebunden und können nicht einfach in den November ausweichen. Wer jahrelang für den Sommerurlaub am Meer spart, will sein Reiseziel auch künftig selbst wählen, ohne dass ihn eine Strategie der Kommission sanft in eine andere Richtung schiebt.
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