
Wasserstoff-Wette: Milliarden-Netz ohne Kunden – Steuerzahler haftet!

Deutschland baut ein gigantisches Pipelinenetz für Wasserstoff. Die Bundesnetzagentur hat dafür 9.040 Kilometer Leitungen genehmigt, die Kosten sind von 18,9 auf inzwischen bis zu 24,3 Milliarden Euro gestiegen. Das Problem: Es gibt bisher kaum Produzenten, und die Abnehmer zögern. Geht es schief, trägt der Bund den Großteil des Risikos.
Erst die Straße, dann vielleicht die Autos
Die Genehmigung stammt vom 22. Oktober 2024. Rund 60 Prozent der Strecke sind umgerüstete Erdgasleitungen, der Rest wird neu gebaut. Mehr als 500 Kilometer sind schon in Betrieb. Fertig sein soll das Kernnetz bis 2032.
Die Idee dahinter klingt nach Planwirtschaft im Stil eines Lehrbuchs. Zuerst baut man die Infrastruktur, dann sollen Industrie und Erzeuger nachziehen. Man baut also eine Autobahn und hofft, dass irgendwann Autos darauf fahren.
Wie groß das Interesse bisher ist, zeigen die Zahlen. Seit März 2026 dürfen Unternehmen Transportkapazitäten reservieren. Bis August kamen knapp sechs Gigawatt zusammen, allerdings ohne feste Buchung. Die Gebühr liegt bei einem Euro je Kilowatt und Jahr. Das bringt den Betreibern Einnahmen im mittleren einstelligen Millionenbereich, bei einem Projekt mit Investitionen im zweistelligen Milliardenbereich.
181 Megawatt statt zehn Gigawatt
Noch ernüchternder sieht es bei der Erzeugung aus. Ende März 2026 liefen in Deutschland gerade einmal 181 Megawatt Elektrolyseleistung. Die Ampel hatte zehn Gigawatt bis 2030 versprochen. Bisher ist also nicht einmal ein Fünfzigstel dieses Ziels erreicht.
Dazu kommen die Kosten. Grüner Wasserstoff ist derzeit zwei- bis dreimal so teuer wie die fossile Alternative. Die Raffinerie Bayernoil hat zwar Kapazitäten reserviert, sucht aber noch verlässliche Lieferanten. Wacker Chemie braucht bezahlbare Preise. Aurubis verlangt eine Versorgung ohne Unterbrechungen. Diese Probleme lassen sich nicht mit neuen Pipelines lösen.
Auch Importe sind keine schnelle Lösung. Sie hängen von Anlagen im Ausland, von Transportwegen und von langfristigen Verträgen ab, und all das existiert bisher größtenteils nur auf dem Papier.
Beim Strom fehlen die Netze
Am deutlichsten wird das Problem beim Blick auf das Stromnetz. Dort gibt es Nachfrage, aber zu wenig Leitungen. Betreiber von Batteriespeichern und neuen Kraftwerken warten teils lange auf einen Anschluss. Industriebetriebe, die ihre Produktion elektrifizieren wollen, kommen nicht weiter. Netzengpässe verursachen zusätzliche Kosten für Eingriffe in die Stromerzeugung, und die zahlen am Ende die Verbraucher.
Ein Markt, den es schon gibt, wird also durch fehlende Netze gebremst. Ein Markt, der erst entstehen soll, bekommt dagegen eine Absicherung in Milliardenhöhe. Kritiker halten das für eine falsche Reihenfolge der Prioritäten.
So landet das Risiko beim Bund
Finanziert wird das Netz über ein sogenanntes Amortisationskonto. Die staatliche Förderbank KfW stellt dafür einen Kreditrahmen von 24 Milliarden Euro bereit. Laut KfW floss die erste Zahlung von rund 172 Millionen Euro bereits im März 2025. Künftige Netzentgelte sollen die Schulden bis 2055 zurückzahlen.
Gelingt das nicht, übernimmt der Bund 76 Prozent der verbleibenden Lücke, die Netzbetreiber tragen 24 Prozent. Die KfW selbst trägt nach eigenen Angaben kein Risiko, denn der Bund hat ihr eine umfassende Garantie gegeben. Der Kreditrahmen ist allerdings kein bereits ausgegebenes Geld. Wie teuer es für den Haushalt wird, hängt davon ab, wie stark das Netz später tatsächlich genutzt wird.
Ein Teufelskreis droht
Fließt wenig Wasserstoff durch die Leitungen, steigen die Kosten pro transportierter Einheit. Dadurch wird Wasserstoff noch teurer und für die Industrie noch unattraktiver. Am Ende steht dann womöglich wieder der Steuerzahler bereit, der schon für das 500 Milliarden Euro schwere Sondervermögen der Regierung Merz aufkommen muss.
Einzelne Lichtblicke
Es gibt Projekte, die funktionieren. Eine Leitung bringt bereits Wasserstoff von Lingen in den Chemiepark Marl. BMW will sein Werk in Leipzig 2028 anschließen. EWE plant bis 2032 Elektrolyseure mit 500 Megawatt Leistung. Um ein Netz von 9.000 Kilometern auszulasten, reicht das aber bei Weitem nicht.
Ob das Wasserstoff-Kernnetz ein Fundament für die Zukunft wird oder ein Fass ohne Boden, entscheidet sich nicht beim Bau der Leitungen. Es entscheidet sich auf dem Markt. Und dort fehlen bislang sowohl ausreichend Anbieter als auch zahlungsbereite Kunden.
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