
Wenn der Antifaschismus zur Zensur wird: Bonhoeffer-Grossneffe entreißt AfD den Gedenkkranz

Es sollte ein Tag der Würde sein, ein stiller Moment des Innehaltens. Der 20. Juli, jener Tag, an dem sich Deutschland an den Widerstand gegen die nationalsozialistische Terrorherrschaft erinnert. Doch statt eines feierlichen Gedenkens im Berliner Bendlerblock spielte sich in diesem Jahr eine Szene ab, die tiefer blicken lässt, als es manchem lieb sein dürfte.
Ein Kranz, ein Entriss, ein Skandal
Nach Berichten der Bild-Zeitung soll Tobias Korenke, seines Zeichens Grossneffe der von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer Dietrich und Klaus Bonhoeffer, eingegriffen haben, als Vertreter der AfD im Ehrenhof des Bendlerblocks einen Blumenkranz niederlegen wollten. Er habe versucht, diesen Kranz eigenhändig zu entfernen. Man lese diesen Satz zweimal: An einem Ort, der dem Andenken an die Opfer eines totalitären Regimes gewidmet ist, wollte ein Mann jenen das Gedenken verwehren, die als demokratisch gewählte Abgeordnete des Deutschen Bundestages erschienen waren.
Der Vorfall geschah während der offiziellen Kranzniederlegung, im Beisein prominenter Gäste wie Berlins Finanzsenator Stefan Evers und Bundesbildungsministerin Karin Prien. Unter den Anwesenden habe die Aktion für sichtbares Aufsehen gesorgt. Kein Wunder.
Wer bestimmt, wer gedenken darf?
Korenke, der sich seiner eigenen Darstellung nach schon länger gegen die AfD positioniert, erklärte einst gegenüber der «Frankfurter Rundschau», seine Vorfahren hätten gegen «all das» gestanden, wofür die Partei heute eintrete. Eine steile These – und eine gefährliche noch dazu. Denn hier maßt sich ein Einzelner an, im Namen der Toten zu entscheiden, wer würdig ist, ihrer zu gedenken, und wer nicht.
Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden – dieser Satz gilt gerade an einem Ort, der an den Kampf gegen ein Regime erinnert, das Andersdenkende auslöschen wollte.
Die AfD nimmt seit Jahren an diesen Gedenkveranstaltungen teil. Als demokratisch legitimierte Fraktion im Bundestag hat sie dazu jedes Recht. Kritiker werfen ihr vor, das Andenken zu «instrumentalisieren» – doch was ist die eigenhändige Entfernung eines fremden Kranzes anderes als eine Instrumentalisierung des Gedenkorts für den eigenen politischen Kampf?
Die Ironie der Geschichte
Es ist eine bittere Pointe, dass ausgerechnet Dietrich Bonhoeffer in seiner Todeszelle über die Dummheit als moralischen Defekt schrieb – über jene Barriere, die den Menschen immun gegen die Argumente der Realität mache. Der Bendlerblock, in dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitverschwörer in der Nacht nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 erschossen wurden, ist einer der bedeutendsten Erinnerungsorte deutschen Widerstands. Dietrich Bonhoeffer selbst wurde wenige Wochen vor Kriegsende im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet.
Diese Männer und Frauen litten und starben für die Freiheit. Nicht für eine Freiheit, die nach politischer Gesinnung gewährt oder verweigert wird, sondern für eine, die allen gilt. Wer heute im Namen des Antifaschismus anderen das Gedenken verbietet, sollte sich fragen, ob er den Geist jener Widerstandskämpfer wirklich verstanden hat.
Ein Symptom eines tieferen Problems
Der Zwischenfall am Bendlerblock ist mehr als eine Randnotiz. Er ist ein Spiegelbild jener zunehmend gespaltenen Republik, in der politische Ausgrenzung salonfähig geworden ist und die Brandmauer über dem Grab der Toten errichtet wird. Deutschland tut gut daran, sich wieder auf die Werte zu besinnen, für die Menschen wie die Bonhoeffers ihr Leben gaben: auf Toleranz, auf echten Meinungspluralismus und auf die Würde des Gegners. Das Gedenken an den Widerstand darf niemals zur Waffe im Tagesstreit verkommen.
Die zahlreichen empörten Reaktionen zeigen: Ein Großteil der Bevölkerung teilt diese Einschätzung und empfindet solche Aktionen als Anmaßung. Zu Recht.
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