
Windräder unter Verdacht: Herz-Studie aus Mainz spaltet die Experten

Ein renommierter Herzchirurg legt sich mit dem Lieblingsprojekt der Energiewende an. Prof. Christian-Friedrich Vahl und sein Co-Autor Oliver Dietz berichten, in Windkraft-Gemeinden im Kreis Paderborn deutlich mehr Fälle von Herzschwäche und Rhythmusstörungen gefunden zu haben. Die Kurzfassung ihrer Arbeit steht inzwischen im Springer-Tagungsband des Internistenkongresses DGIM. Ob das Ergebnis trägt, ist allerdings heftig umstritten.
Vier Gemeinden, ein schwerer Verdacht
Vahl hat früher als Professor an der Uniklinik Mainz gearbeitet. Im April 2026 stellte er die Untersuchung auf dem 132. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin als Poster vor. Das Prinzip ist einfach: Man vergleicht Orte mit vielen Windrädern mit Orten, in denen kaum welche stehen.
In Borchen und Lichtenau leben rund 25.550 Menschen. Dort drehten sich 2024 laut Poster 224 Anlagen mit 533 Megawatt. Zum Vergleich dienten Delbrück und Hövelhof mit rund 49.700 Einwohnern, aber nur 8 Anlagen und 14 Megawatt. Die Fallzahlen für die Jahre 2015 bis 2024 stammen von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, angefordert über das Informationsfreiheitsgesetz NRW.
Das Ergebnis klingt dramatisch. Herzschwäche sei in Borchen um 21 bis 51 Prozent und in Lichtenau um 20 bis 68 Prozent häufiger aufgetreten als in den Vergleichsorten. Auch bei bedrohlichen Rhythmusstörungen sehen die Autoren einen deutlichen Anstieg. Ihre Forderung im Wortlaut:
„Es sind daher umgehend geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um die exponierten Bürger systematisch über das Risiko von Rhythmusstörungen und Herzinsuffizienz aufzuklären, um zeitnah geeignete therapeutische Maßnahmen ergreifen zu können."
Kritiker zerpflücken die Methode
Der Widerspruch ließ nicht lange auf sich warten. Der Essener Epidemiologe Prof. Bernd Kowall bemängelte Medienberichten zufolge, dass die Studie keine Einzelpersonen betrachte, sondern nur ganze Gemeinden vergleiche. Solche „ökologischen Studien" können Hinweise liefern, beweisen aber keine Ursache. Laut Kowall lasse sich mit diesem Ansatz nicht sicher beurteilen, ob in Orten mit mehr Windrädern tatsächlich mehr Herzerkrankungen auftreten.
Noch schwerer wiegt ein anderer Einwand: Die Kassenärztliche Vereinigung habe nach eigenen Angaben gar keine Daten zu Neuerkrankungen herausgegeben. Patienten könnten dieselbe Diagnose schon im Vorjahr erhalten haben. Das Umweltbundesamt widerspricht den Schlussfolgerungen ebenfalls. Der Landesverband Erneuerbare Energien NRW verweist auf eine große US-Untersuchung mit Daten von 120.000 Haushalten, die im Fachblatt PNAS erschienen ist und keinen solchen Zusammenhang finde.
Dazu kommt: Der Springer-Band ist eine Sammlung von Kongress-Abstracts. Dort erscheint nur die Kurzfassung, ein vollständig begutachteter Fachartikel liegt bislang nicht vor.
Der eigentliche Skandal liegt woanders
Ist die Sache damit erledigt? Keineswegs. Das Umweltbundesamt räumte schon 2021 selbst ein, dass es zum Infraschall bis dahin nur Querschnitts- und Laborstudien gebe. Es brauche epidemiologische Langzeitstudien rund um Windparks, um mögliche Spätfolgen zu erkennen. Ein vorbereitendes Forschungsprojekt wollte die Behörde damals vergeben.
Fünf Jahre später streitet das Land über ein einseitiges Kongressposter. Eine belastbare staatliche Langzeitstudie, die die Frage klärt, gibt es nicht. Gleichzeitig treibt die Politik den Ausbau mit Hochdruck voran, oft in Wäldern und immer näher an Wohnhäusern.
Die Bürger verdienen Antworten
Viele Anwohner in Windkraft-Regionen klagen seit Jahren über Schlafprobleme und Unwohlsein. Bisher hören sie oft nur, ihre Sorgen seien unbegründet. Auch die öffentlich-rechtlichen Faktenchecker stuften die Mainzer Arbeit schnell als „fragwürdig" ein.
Die Methodenkritik mag berechtigt sein. Sie entlässt den Staat aber nicht aus seiner Pflicht. Wer Hunderte Anlagen genehmigt, muss auch zuverlässig klären, was sie mit den Menschen in ihrer Nähe machen. Dafür braucht es unabhängige Forschung mit echten Messwerten und Daten zu einzelnen Personen. Mit Beschwichtigungen ist niemandem geholfen, mit Panikmache aber auch nicht.
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