
242 Stunden Strom für unter null Euro: Wie Deutschland seine eigene Energiewende gegen die Wand fährt

Es ist eines dieser Paradoxe, die nur eine Politik hervorbringen kann, die Ideologie über Ingenieurskunst stellt: In einem Land mit den höchsten Strompreisen der industrialisierten Welt kostet Strom immer häufiger gar nichts mehr – oder sogar weniger als nichts. Allein im laufenden Jahr rutschte der Börsenpreis in Deutschland in 242 Stunden unter die Nulllinie. Zum Vergleich: 2016 waren es noch rund ein Sechstel dieser Stundenzahl. Wer glaubt, das sei ein Erfolg, hat das System nicht verstanden.
Negative Preise sind kein Segen, sondern eine Rechnung
Ein negativer Börsenpreis bedeutet im Klartext: Es wird Geld dafür bezahlt, dass jemand den überschüssigen Strom abnimmt. Produzenten von Wind- und Solarstrom, die über Jahre mit garantierten Vergütungen abgesichert wurden, speisen weiter ein, während die Nachfrage fehlt. Die Differenz zahlt am Ende nicht der Wind und nicht die Sonne, sondern der Steuerzahler – über Umlagen, über Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt, über Netzentgelte, die sich in jeder Rechnung eines Handwerksbetriebs und jeder Mittelstandsbilanz wiederfinden.
Die deutsche Energiepolitik hat einen Kardinalfehler begangen, den jeder Fabrikplaner im ersten Semester lernt: Man baut nicht die Produktion aus, ohne gleichzeitig die Logistik mitzubauen. Genau das ist geschehen. Solarparks und Windräder wuchsen im Rekordtempo, während Übertragungsnetze in Genehmigungsverfahren versanken und Speicherkapazitäten weitgehend Theorie blieben. Das Ergebnis ist ein Stromsystem, das zu Mittagszeiten an sonnigen Sommertagen erstickt und in windstillen Winternächten am Tropf ausländischer Kraftwerke hängt.
Ein Netz, das den Strom nicht dorthin bringt, wo er gebraucht wird, und Speicher, die es nicht gibt, verwandeln jeden Erzeugungsrekord in eine Kostenexplosion. Der Überschuss ist nicht das Problem – die fehlende Infrastruktur ist es.
Der Streit um die wahren Kosten der Solarförderung
Wie teuer dieses Missmanagement tatsächlich ist, darüber wird in Fachkreisen heftig gestritten. Ökonomen des RWI haben Rechnungen vorgelegt, nach denen die Lasten der Solarförderung deutlich höher ausfallen als offiziell dargestellt – und wurden dafür prompt attackiert. Bemerkenswert ist weniger der methodische Streit als das Reflexverhalten: Wer die Kosten der Energiewende beziffert, gerät in Deutschland schnell in den Verdacht, ihr Gegner zu sein. Dabei wäre eine schonungslose Kostenwahrheit das Mindeste, was Bürger von einer Regierung erwarten dürfen, die ihnen jahrzehntelange Belastungen aufbürdet.
Denn die Zeche zahlen nicht abstrakte Institutionen. Sie zahlen der Bäcker, dessen Ofen betrieben werden muss. Der Zerspanungsbetrieb im Schwabenland, der gegen chinesische Konkurrenz antritt, deren Kohlekraftwerke keine Umlagen kennen. Und die Familie, die im Monat mehr für Energie ausgibt als für Lebensmittel. Dass ausgerechnet jene Parteien, die sich als Anwälte der kleinen Leute inszenieren, das teuerste Energiesystem Europas mitverantworten, gehört zu den bitteren Pointen der vergangenen Jahre.
Warum die Industrie doppelt verliert
Man könnte annehmen, billiger Strom sei ein Standortvorteil. Doch die negativen Börsenpreise kommen bei den energieintensiven Betrieben kaum an. Zwischen dem Spotmarkt und der Endabnehmerrechnung liegen Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen, die den Effekt vollständig auffressen. Der Strom ist an der Börse geschenkt – und in der Fabrik unbezahlbar. Wer wissen will, warum immer mehr Unternehmen Investitionen verlagern, findet hier eine der Antworten.
Speicher, dynamische Tarife – und die verlorene Zeit
Technisch ließe sich aus dem Überschuss ein Vorteil machen. Batteriespeicher könnten billige Mittagsstunden einkaufen und in die Abendspitze verkaufen. Dynamische Tarife könnten Haushalte belohnen, die Waschmaschine oder Wärmepumpe dann laufen lassen, wenn Strom im Übermaß vorhanden ist. Flexible Großverbraucher könnten das System stabilisieren, statt es zu belasten. All das ist bekannt – seit Jahren. Nur wurde in Deutschland lieber über Sprachvorschriften und Symbolpolitik gestritten, als Kupfer in die Erde und Batterien ins Netz zu bringen.
Und nun? Die neue Bundesregierung verkündet Sondervermögen in dreistelliger Milliardenhöhe für Infrastruktur, hat die Klimaneutralität ins Grundgesetz geschrieben und finanziert das Ganze auf Kredit – nachdem im Wahlkampf noch das Gegenteil versprochen wurde. Wer glaubt, dass ausgerechnet diese Kombination aus Schuldenpolitik und Planwirtschaft die Netzengpässe löst, darf gern weiter hoffen. Die wahrscheinlichere Folge ist zusätzliche Inflation, die den Kaufkraftverlust der Bürger weiter beschleunigt.
Was Bürger daraus mitnehmen sollten
Ein Energiesystem, dessen Preise zwischen negativ und ruinös schwanken, ist kein Modell, sondern eine Warnung. Es zeigt, wie schnell politisch erzeugte Verzerrungen reale Vermögen entwerten – über Abgaben, über Inflation, über den schleichenden Verlust industrieller Substanz. Wer sein Erspartes gegen solche Verwerfungen absichern möchte, kommt an der Frage nicht vorbei, welcher Teil seines Vermögens außerhalb staatlich gesteuerter Systeme liegt. Physisches Gold und Silber kennen keine Umlage, keine Netzentgelte und keinen Bundeshaushalt, der sie umverteilt – sie sind seit Jahrtausenden das, was übrig bleibt, wenn politische Experimente scheitern.
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