
43,8 Prozent: Wie ein Magazin-Cover zur Gratis-Wahlwerbung wurde

Magdeburg, drei Tage nach dem politischen Beben: Der Spiegel reagiert auf den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt mit einer neuen Titelgeschichte. „Was planen die Verfassungsfeinde?“, fragt das Blatt auf dem Cover der Ausgabe, die ab Freitag am Kiosk liegt und bereits online abrufbar ist. Es ist bereits die zweite Titelstory zum selben Thema binnen weniger Wochen.
Ein Rekordergebnis, das die Republik erschüttert
Die Zahlen sind eindeutig. Bei der Landtagswahl am 6. September holte die AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund nach vorläufigem Ergebnis 43,8 Prozent – der höchste Wert, den je eine Partei bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt seit der Wende erreicht hat.
Die CDU stürzte von 37,1 auf 17,2 Prozent ab und halbierte sich damit fast. SPD (9,3), Grüne (8,9) und Linke (8,6) landeten im einstelligen Bereich, die FDP flog aus dem Landtag. Die Wahlbeteiligung erreichte mit 77,8 Prozent einen Rekordwert – von Politikverdrossenheit also keine Spur.
Vom Warnruf zum Autogrammheft
Schon Mitte August hatte das Hamburger Magazin Siegmund auf dem Titel als „gefährlichsten Mann Deutschlands“ bezeichnet. Das Kalkül ging nach hinten los: Die Ausgabe war vielerorts binnen Tagen vergriffen und erlangte in der politischen Rechten Kultstatus.
Siegmund selbst signierte die Hefte im Wahlkampf öffentlichkeitswirksam für seine Anhänger. Aus der Warnung wurde Werbung. Was als Abschreckung gedacht war, verwandelte sich in Reichweite – und Reichweite ist im Wahlkampf bekanntlich die härteste Währung.
Der Chefredakteur des Magazins verteidigte die Linie später in einem Newsletter: Siegmund gebe sich zwar freundlich, lasse sich aber von einem „Netzwerk rechter Extremisten“ unterstützen und plane einen „Anschlag auf die liberale Demokratie“. Bei ihm kämen „das Umgängliche und das Extreme“ zusammen.
Viel Moral, wenig Programm
Auch die neue Titelgeschichte setzt Medienberichten zufolge vor allem auf bekannte Vorwürfe. Sie verweist unter anderem darauf, dass mehrere politische Vertraute Siegmunds in den 2000er Jahren der später verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ angehört haben sollen, und auf einen Hitlergruß einer unbekannten Person bei einer Parteiveranstaltung in Zeitz, zu dem sich Siegmund auf Nachfrage nicht geäußert habe.
Konkrete politische Forderungen kommen dagegen kaum vor. Siegmunds Asyl- und Abschiebekurs werde ohne nähere Begründung als „rassistisch“ eingeordnet, sein Wunsch nach einer Alleinregierung als antidemokratisch gedeutet – obwohl absolute Mehrheiten das legitime Ziel jeder Partei sind. Der AfD-Landesverband wird vom Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt seit 2023 als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft.
Die eigentliche Nachricht: der Machtverlust
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart der Vorgang weniger über die AfD als über den Zustand der etablierten Leitmedien. Wer moralische Empörung an die Stelle inhaltlicher Auseinandersetzung setzt, erreicht die Wähler nicht mehr – erst recht nicht jene 43,8 Prozent, die pauschal ins Abseits gestellt werden.
Man warnt vor seiner Popularität – und macht ihn berühmter.
Die spannendere Frage lautet deshalb nicht, was die Gewinner planen, sondern warum Union und SPD in Magdeburg so dramatisch abgestraft wurden. Solange darauf keine Antwort folgt, dürften weitere Titelbilder wenig ändern. Am 20. September wird in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gewählt.
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