
Ausverkauf des Weltfussballs: Uefa probt den Aufstand gegen Infantinos Milliardendeal

Es ist ein Vorgang, der in der Geschichte des organisierten Fussballs seinesgleichen sucht: Für Donnerstag hat die Uefa ihre 55 Mitgliedsverbände zu einer Dringlichkeitssitzung geladen. Der Grund? Fifa-Präsident Gianni Infantino möchte Anteile an den kommerziellen Rechten der Fussball-Weltmeisterschaften an private Investoren veräussern. Und Europas Verbände wollen das offenbar nicht widerspruchslos hinnehmen. Nach Berichten des britischen «Guardian» soll in der Sitzung eine gemeinsame Linie abgestimmt werden – auf dem Tisch liege sogar ein Boykott von Fifa-Wettbewerben.
Wenn der Weltverband zur Beteiligungsgesellschaft wird
Der Kern des Plans klingt harmlos, ist es aber nicht. Die Vermarktungsrechte an den Weltmeisterschaften der Männer, der Frauen sowie an der Klub-WM sollen in eine neu gegründete Tochtergesellschaft ausgelagert werden. Bis zu zwanzig Prozent der Anteile daran könnten anschliessend an private Kapitalgeber gehen. Die Fifa würde – so lautet die Beruhigungspille – Mehrheitseignerin bleiben und weiterhin über Spielkalender und Regelwerk bestimmen.
Wer schon einmal erlebt hat, wie sich Minderheitsgesellschafter in einem Unternehmen mit Renditeerwartungen verhalten, dürfte hier ins Grübeln kommen. Zwanzig Prozent sind kein Streubesitz von Kleinsparern. Zwanzig Prozent sind ein Fuss in der Tür. Und Investoren, die Geld hineingeben, wollen mehr herausholen, als sie hineingesteckt haben. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern schlicht Betriebswirtschaft.
«Die Seele des Fussballs ist keine Handelsware»
Die Uefa hat für ihre Verhältnisse ungewöhnlich deutliche Worte gefunden. Mit diesem Vorhaben werde eine Grenze überschritten, die die Führungsgremien des Fussballs niemals überschreiten dürften, hiess es aus Nyon. Seele und Führung des Sports seien keine Handelsgüter.
Starke Worte – aus einem Haus, das selbst nicht gerade als Hort selbstloser Bescheidenheit gilt.
Denn genau hier setzt die naheliegende Kritik an: Während man in Europa über die Kommerzialisierung durch die Fifa lamentiert, sind zahlreiche europäische Spitzenklubs längst vollständig in den Händen von Staatsfonds, Scheichs oder amerikanischen Finanzinvestoren. Nicht zwanzig Prozent – hundert. Wer also ruft hier wen zur Ordnung? Man könnte es Heuchelei nennen. Man könnte es aber auch schlicht als Kampf um Einfluss und Pfründe bezeichnen, der zufällig moralisch verkleidet daherkommt.
Rechenspiel der Machtblöcke
Rückendeckung erhält die Uefa mittlerweile von der Concacaf, dem Verband für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik, und von der Asiatischen Fussball-Konföderation. Zusammen vertreten diese drei Kontinentalverbände 143 der insgesamt 211 Fifa-Mitglieder – rechnerisch genug, um Infantinos Pläne zu stoppen. Doch die Front bröckelt bereits: Der tschechische Verband hat sich hinter das Vorhaben gestellt.
Vierzig Millionen Gründe zum Nachdenken
Besonders bemerkenswert ist die Methode. Nach Informationen des «Guardian» habe Infantino den nationalen Verbänden eine Frist bis zum 19. September gesetzt, um sich für eine erste Ausschüttung von zwanzig Millionen Dollar aus dem geplanten Geschäft zu registrieren. Später sollen weitere zwanzig Millionen pro Verband folgen. Ob die Annahme dieses Geldes automatisch als Zustimmung gilt, sei bislang ungeklärt.
Man muss kein Zyniker sein, um in diesem Vorgehen ein bekanntes Muster zu erkennen: Erst wird Geld verteilt, dann wird abgestimmt. Für kleinere Verbände in Ländern, in denen vierzig Millionen Dollar den gesamten Jahreshaushalt des Fussballs übersteigen dürften, ist das keine Wahl, sondern ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.
Vom Volkssport zum Finanzprodukt
Wer sich an Zeiten erinnert, in denen sämtliche Bundesliga-Partien samstags um 15.30 Uhr angepfiffen wurden, ahnt, wie weit dieser Weg schon gegangen ist. Der Fussball war einmal ein Stück Heimat, ein Ritual, eine Konstante im Alltag der Menschen. Heute ist er ein durchgeplantes Medienprodukt mit über den Globus verstreuten Anstosszeiten, Spielern als handelbaren Aktiva und Turnieren, die je nach Zahlungsbereitschaft in Regionen vergeben werden, in denen niemand Fussball spielt.
Und was passiert normalerweise mit Produkten, die immer teurer und gleichzeitig immer schlechter werden? Richtig – die Kundschaft wendet sich ab. Es ist die gleiche Logik, die man in Deutschland an anderer Stelle beobachten kann: Man kann eine über Jahrzehnte gewachsene Substanz erstaunlich schnell ruinieren, wenn man sie nur konsequent genug den falschen Interessen unterwirft. Bei der Industrie unseres Landes hat das erschreckend gut funktioniert.
Was bleibt, wenn Institutionen zu Renditeobjekten werden
Der Streit zwischen Fifa und Uefa ist im Kern kein sportlicher, sondern ein struktureller. Er zeigt, was geschieht, wenn Institutionen, die eigentlich Treuhänder eines Gemeingutes sein sollten, sich selbst als Vermögensverwalter begreifen. Wer Vertrauen in Papiere setzt, deren Wert vom Wohlverhalten einiger Funktionäre abhängt, sollte sich fragen, wie belastbar solche Konstruktionen tatsächlich sind. Sachwerte, die man in der Hand halten kann – physisches Gold und Silber etwa –, kennen weder Frist bis zum 19. September noch Minderheitsgesellschafter mit Renditeerwartung. Als Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen bleiben sie deshalb, was sie seit Jahrtausenden sind: unbestechlich.
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