
Blindflug am Ă–lmarkt: Saudi-Tanker verschwinden vom Radar

Die größten Ölexporteure der Welt fahren neuerdings im Dunkeln – im Wortsinn. Seit die jemenitische Ansarallah-Bewegung am 20. Juli eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien verhängte, schalten Tanker vor der saudischen Rotmeer-Küste ihre Transponder ab. Ergebnis: Niemand weiß mehr verlässlich, wie viel Öl das Königreich tatsächlich verschifft.
Drei Datenfirmen, drei völlig verschiedene Wahrheiten
Wie unübersichtlich die Lage ist, zeigt eine einzige Woche. Für die Woche ab dem 3. August meldete Vortexa für den Hafen Yanbu einen leichten Rückgang auf 2,38 Millionen Barrel pro Tag nach 2,71 Millionen. Kpler sah dagegen einen Einbruch von 4,04 auf 1,78 Millionen Barrel. AXSMarine wiederum registrierte einen Anstieg – von rund 420.000 auf 850.000 Barrel.
Dieselben Schiffe, dieselbe Woche, drei Ergebnisse, die kaum weiter auseinanderliegen könnten. Genau diese Zahlen nutzen Internationale Energieagentur, OPEC und Rohstoffhändler, um das globale Angebot zu schätzen. Wer hier danebenliegt, verpreist einen ganzen Weltmarkt falsch.
„Alle Ladungen erfolgten dunkel"
Ein Analyst des Datendienstes Vortexa erklärte Medienberichten zufolge, in der Vorwoche sei in Yanbu keine einzige Ladung mit eingeschaltetem AIS-Signal erfolgt.
„Last week Yanbu liftings were all conducted dark."
Kpler beziffert den Anteil dunkler Verladungen entlang der saudischen Westküste auf rund 70 Prozent; seit dem 23. Juli sei kein Yanbu-Frachter mehr durchgehend geortet worden. Satellitenauswertungen eines unabhängigen Maritim-Analysten deuten auf einen noch härteren Einbruch hin: An den Terminals King Fahd und Muajjiz habe die Ladeaktivität sich seit Blockadebeginn etwa halbiert – von durchschnittlich zehn auf rund fünf Millionen Barrel je Satellitenüberflug.
Vom Nadelöhr ins nächste Nadelöhr
Die Verkehrszahlen sprechen für sich: Durch die Meerenge Bab al-Mandab passierten zuletzt im Schnitt 32 Schiffe pro Tag – vor der Blockade waren es etwa 50. Riad leitet sein Öl deshalb nach Norden um, über den Suezkanal oder die ägyptische SUMED-Pipeline von Ain Sokhna nach Sidi Kerir. Andere Supertanker nehmen den weiten Umweg um das Kap der Guten Hoffnung.
Billig ist das nicht. Maritime Analysehäuser beziffern den Aufschlag der Ausweichrouten auf rund neun Dollar je Barrel. Und die Ausgangslage ist ohnehin angespannt: Seit der Eskalation mit dem Iran gilt die Straße von Hormus als weitgehend blockiert, über die vor dem Krieg etwa ein Fünftel des weltweiten Öls lief. Brent notierte zuletzt Marktberichten zufolge um 88 Dollar – rund ein Viertel über Vorkriegsniveau, nach Spitzen über 110 Dollar im Mai.
Neue Allianzen, alte Rechnungen
Militärisch formiert sich derweil eine Antwort: Die Türkei bestätigte laut ihrem Verteidigungsministerium den Beitritt zur saudisch geführten Schutzkoalition mit Hauptquartier in Riad, der 13 Staaten angehören. Ankara vertieft damit einen erst kürzlich in Mekka geschlossenen Dreierpakt mit Saudi-Arabien und Pakistan. Die jemenitische Seite nennt ihr Vorgehen eine „Blockade für Blockade" – als Antwort auf über ein Jahrzehnt Krieg und Belagerung.
Für Europas Industrie, die ihre Energieversorgung seit Jahren zwischen Sanktionen, Klimaauflagen und geopolitischen Zufällen balanciert, ist das keine ferne Randnotiz. Wenn schon die Menge des transportierten Öls Ansichtssache wird, wird der Preis zum Spielball. In solchen Phasen erinnern sich Anleger traditionell an Sachwerte, die kein Transponder-Signal brauchen: physische Edelmetalle als nüchterne Beimischung eines breit gestreuten Vermögens.
Hinweis: Dieser Beitrag ist journalistische Berichterstattung und keine Anlageberatung. Wir sprechen keine Kauf- oder Verkaufsempfehlungen aus. Jeder Leser trifft seine Anlageentscheidungen eigenverantwortlich und sollte sich vorab selbst umfassend informieren.
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