
Brandmauer längst gefallen: Schweden wählt – Deutschland schaut weg

An diesem Sonntag, dem 13. September 2026, wählt Schweden einen neuen Reichstag – und die Wahllokale entscheiden zugleich über ein europäisches Tabu. Erstmals könnten die rechten Schwedendemokraten (SD) nicht nur tolerieren, sondern selbst Minister stellen. Erwartet wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Was 2022 in Stockholm passierte
Während in Berlin die „Brandmauer“ zur AfD als quasi-staatstragende Formel gepflegt wird, ist sie in Schweden schon vor vier Jahren gefallen. Seit 2022 stützen die Schwedendemokraten als zweitstärkste Kraft eine Minderheitsregierung aus Konservativen und Liberalen – nach Jahren, in denen dieselben bürgerlichen Parteien jede Zusammenarbeit kategorisch ausgeschlossen hatten.
Der Preis für diese Duldung war Politik. Vor allem bei Migration, innerer Sicherheit und Energie setzte die SD Kernpunkte ihrer Agenda durch. Die Asylanträge sanken um rund 75 Prozent, die Asylzuwanderung liegt auf dem niedrigsten Stand seit über 40 Jahren. Die Zahl der Abschiebungen stieg seit 2022 um 60 Prozent. Seit Juni gelten zudem strengere Regeln für den Erwerb der Staatsbürgerschaft.
Åkesson will mehr als nur Mehrheitsbeschaffer sein
SD-Chef Jimmie Åkesson verweist im Wahlkampf offensiv auf diese Bilanz:
„Wir haben die niedrigste Asylzuwanderung seit 40 Jahren. Das war besonders wichtig für uns und unsere Wähler. Es sitzen jetzt mehr gefährliche Personen im Gefängnis. Das hat das Land etwas sicherer gemacht.“
Aus der Rolle des stillen Unterstützers will die Partei heraus – sie fordert Ministerposten. Den Weg dafür frei gemacht haben ausgerechnet die Liberalen: Deren Vorsitzende Simona Mohamsson, gleichzeitig Bildungs- und Integrationsministerin, verkündete bereits im März gemeinsam mit der SD den Kurswechsel zur festen Koalitionsoption. Zur Begründung führte sie an, die Partei habe sich von ihrer Vergangenheit gelöst und Konstruktivität bewiesen; nun gehe es um gemeinsame Verantwortung für Schweden.
Mohamsson, Tochter eines Palästinensers und einer Libanesin, sorgte zudem für Aufsehen, als sie in einer TV-Debatte eine Kette mit Davidstern trug – als Solidaritätszeichen für Juden, deren Lage in Schweden sie als „schrecklich“ bezeichnete. Ihre Partei ist die Schicksalspartei dieser Wahl: In der Novus-Umfrage vom 7. September kam sie auf 4,3 Prozent – haarscharf über der Vier-Prozent-Hürde.
Ein Vorsprung, der sich verflüchtigt hat
Dieselbe Umfrage zeigt, wie eng es geworden ist: Das Oppositionslager aus Sozialdemokraten, Linkspartei, Grünen und Centerpartiet lag bei 50,3 Prozent, das Regierungslager bei 47,9 Prozent. Der komfortable Vorsprung, den Magdalena Anderssons Sozialdemokraten noch vor Wochen hatten, ist praktisch verdampft.
Und selbst ein rechnerischer Sieg wäre kein Regierungsauftrag. Schweden kennt den negativen Parlamentarismus: Ein Ministerpräsident braucht nicht 175 Ja-Stimmen, sondern lediglich weniger als 175 Nein-Stimmen. Minderheitsregierungen sind deshalb Normalzustand. Das Problem der Linken ist ihre Spaltung – Centerpartiet und Linkspartei schließen eine Zusammenarbeit faktisch aus.
Zusätzlich belastet ein Antisemitismus-Skandal das linke Lager: Die Vänsterpartiet musste Berichten zufolge bereits 33 Kandidaten von ihren Listen streichen. Die Zeitung Expressen enthüllte zuletzt, eine Kommunalkandidatin in Örebro habe über Jahre antisemitische Inhalte geteilt – darunter Ritualmord-Legenden in modernem Gewand.
Was Deutschland daraus lernen könnte
Bemerkenswert ist der Ton: kein Geschrei, keine Dämonisierung, stattdessen Sachdebatten über Kriminalität, Migration, Lebenshaltungskosten, Kernkraft und Renten. Selbst die Sozialdemokraten sind bei Migration und Sicherheit heute deutlich restriktiver als die SPD.
Aus Sicht unserer Redaktion zeigt Schweden, was politischer Wettbewerb leisten kann, wenn man ihn zulässt: harte Konkurrenz um die besten Antworten statt einer Blockbildung, in der am Ende alle gegen einen stehen. In Deutschland bleibt die Frage, wie lange man dieses Muster noch für Demokratie verkauft.
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