
Brüssel entdeckt den Fußball: EU-Kommission droht der Fifa wegen geplantem WM-Ausverkauf

Es gibt Momente, in denen man nicht weiß, wen man weniger ertragen kann: den Weltfußballverband, der jede Sekunde Spielzeit in eine Rechnung verwandelt, oder eine EU-Kommission, die selbst beim Anpfiff noch prüfen möchte, ob der Ball europarechtskonform rollt. Genau so ein Moment ist gerade eingetreten. EU-Sportkommissar Glenn Micallef hat der Fifa öffentlich die Gelbe Karte gezeigt – wegen ihres Plans, Teile der Weltmeisterschaft an private Investoren zu verkaufen.
Worum es geht: Die WM als Aktienpaket
Die Fifa möchte offenbar eine neue Gesellschaft gründen, die die kommerzielle Verwertung der Weltmeisterschaft bündelt – und an dieser Gesellschaft sollen externe Geldgeber Minderheitsanteile erwerben können. Aus dem globalen Volkssport würde damit ein handelbares Finanzprodukt. Das Turnier, das seit 1930 als sportliches Weltereignis firmiert, bekäme ein Kapitalmarkt-Etikett.
Micallef hält das für einen Schritt zu weit. Sportregeln unterlägen dem EU-Recht, sofern sie wirtschaftliche Wirkung entfalteten, erklärte er mit Verweis auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs. Die Kommission werde die Vorschläge im Rahmen ihrer Zuständigkeiten sorgfältig prüfen. Und dann folgte der Satz, der dem Ganzen die Schlagzeile bescherte: Genug sei genug. Die unerbittliche Kommerzialisierung des Fußballs habe zerstörerische Folgen. Fußball, so der Kommissar, sei nun einmal kein Baseball.
„Die Weltmeisterschaft ist nach wie vor das grösste Sportereignis der Welt, auch wenn die Fifa jede kommerzielle Gelegenheit ausnutzt.“ – EU-Sportkommissar Glenn Micallef
Der wunde Punkt: Wer regiert, wenn Investoren mitreden?
Inhaltlich hat der Kommissar durchaus einen Punkt, so ungern man es zugibt. Ein Verband, der gleichzeitig Regelgeber und Renditeversprechen für Finanzinvestoren ist, sitzt auf einem Interessenkonflikt von olympischem Format. Micallef verweist genau darauf: Fragen der Führung, der Unabhängigkeit und der Interessenkonflikte seien tiefgreifend. Besonders heikel werde es, wenn die Regulierungsmacht der Fifa mit den finanziellen Interessen privater Unternehmen in Einklang gebracht werden solle.
Als Beleg musste die Kontroverse um die aufgehobene Rote Karte während der Weltmeisterschaft herhalten – zurückgenommen, nachdem sich US-Präsident Donald Trump eingeschaltet hatte. Ob man das nun als Skandal oder als Anekdote liest: Es zeigt, wie durchlässig die Grenze zwischen Sportentscheidung und politischer Einflussnahme längst geworden ist.
Und trotzdem: Warum Brüssels Empörung schal schmeckt
Nur, wer schützt hier eigentlich wen? Dieselbe Kommission, die dem Fußball plötzlich Bodenhaftung predigt, hat Europas Bürgern in den vergangenen Jahren eine Regulierungsflut serviert, die vom Heizungskeller bis zur Flaschenverschlusskappe reicht. Wer Verbrennerverbote, Lieferkettenbürokratie und Klimapläne im Halbjahrestakt produziert, darf sich nicht wundern, wenn seine Sorge um die Seele des Volkssports wie ein Vorwand für den nächsten Zuständigkeitsgriff klingt.
Denn eines ist bemerkenswert: Der Ausverkauf des Fußballs läuft seit Jahrzehnten. Aufgeblähte Turnierformate, Vergaben an Länder ohne Fußballtradition, Sponsorenpakete bis zur Schmerzgrenze. Erst wenn amerikanische Investoren an die Tür klopfen und Brüssel fürchtet, an der Seitenlinie zu stehen, wird das Wettbewerbsrecht entdeckt. Kommentatoren spotten bereits, es gehe weniger um Fairplay als um die Angst, ausgebootet zu werden.
Die eigentliche Lektion: Wenn alles zum Finanzprodukt wird
Bleibt die grundsätzliche Frage. Wenn selbst eine Weltmeisterschaft in Anteile zerlegt, verbrieft und verkauft werden kann, was ist dann noch echt? Wir leben in einer Zeit, in der Papierversprechen, Bewertungsmodelle und Beteiligungskonstrukte die Realwirtschaft überwuchern. Immer mehr Wert existiert nur noch als Buchung in einem System, das von Vertrauen und Zinssätzen lebt – und beides kann verschwinden.
Genau darin liegt der Reiz dessen, was man in die Hand nehmen kann. Physisches Gold und Silber lassen sich nicht in Minderheitsbeteiligungen zerschneiden, nicht durch ein Kommissarsschreiben entwerten und nicht durch die Laune eines Präsidenten aus dem Spiel nehmen. Sie sind der Gegenentwurf zu einer Welt, in der selbst der Rasen zum Wertpapier wird. Wer sein Vermögen breit aufstellt, tut gut daran, einen substanziellen Sachwert-Anker beizumischen – als Versicherung gegen Konstrukte, die niemand mehr versteht.
Ob die Kommission die Fifa am Ende bremst, steht offen. Wahrscheinlicher ist, dass beide Seiten ihre Interessen bedienen und der Zuschauer die Rechnung zahlt – über Ticketpreise, Abogebühren und die schleichende Entfremdung von einem Spiel, das einmal ihm gehörte.
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