
Bundestag offline: Peinliche Technik-Panne statt russischer Hacker
Ausgerechnet in der letzten Sitzungswoche des Jahres, wenn im Deutschen Bundestag traditionell die Arbeit auf Hochtouren läuft, versagte die digitale Infrastruktur des Parlaments auf ganzer Linie. Am Nachmittag des 16. Dezember 2025 ging plötzlich nichts mehr: Kein Internet, kein Intranet, keine E-Mails, kein Zugriff auf Dateien. Das Herz der deutschen Demokratie stand digital still.
Überlastete Rechenzentren statt Kreml-Attacke
Die Spekulationen schossen sofort ins Kraut. War es ein koordinierter Cyberangriff aus Moskau? Immerhin fiel der Zeitpunkt des Ausfalls verdächtig zusammen mit dem Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt – doch die Wahrheit entpuppt sich als weitaus banaler und zugleich beschämender.
In einem Schreiben an die Abgeordneten und IT-Verantwortlichen der Fraktionen heißt es unmissverständlich: „Auslöser war eine Überlastungssituation zwischen den beiden Rechenzentren der Bundestagsverwaltung." Kein ausgeklügelter Hackerangriff, keine feindliche Cyberattacke – schlicht und ergreifend ein technisches Versagen der eigenen Infrastruktur. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik wurde zwar eingebunden, konnte jedoch ebenfalls keine Hinweise auf einen Angriff von außen feststellen.
Ein Déjà-vu mit bitterem Beigeschmack
Die Ironie der Geschichte ist kaum zu übersehen. Bereits im Mai 2015 wurde der Bundestag Opfer eines verheerenden Hackerangriffs. Damals infizierten Angreifer Computer in zahlreichen Abgeordnetenbüros mit Spionagesoftware – selbst Rechner im Büro der damaligen Kanzlerin Angela Merkel waren betroffen. Die Konsequenz: Eine kostspielige Generalüberholung des gesamten IT-Systems. Fünf Jahre später sprach Merkel von „harten Evidenzen" für eine russische Beteiligung und drohte mit Konsequenzen.
Und nun, weitere zehn Jahre später, bringt nicht etwa der gefürchtete russische Geheimdienst das parlamentarische Nervensystem zum Erliegen, sondern die eigene technische Unzulänglichkeit. Man fragt sich unweigerlich: Was wurde aus den Millionen, die nach dem Angriff von 2015 in die IT-Sicherheit geflossen sein sollen?
Symptom eines größeren Problems
Dieser Vorfall reiht sich nahtlos ein in das Bild eines Landes, das bei der Digitalisierung seit Jahren hinterherhinkt. Während andere Nationen längst digitale Verwaltungen aufgebaut haben, kämpft Deutschland noch immer mit Faxgeräten in Behörden und überlasteten Rechenzentren im Parlament. Die Große Koalition unter Bundeskanzler Friedrich Merz hat zwar ein 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen für Infrastruktur angekündigt – doch ob davon auch die digitale Grundausstattung des eigenen Parlaments profitieren wird, bleibt abzuwarten.
Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet in einer Zeit, in der Deutschland als eines der größten Hacker-Ziele in der Europäischen Union gilt, nicht etwa feindliche Akteure, sondern die eigene Inkompetenz den Betrieb lahmlegt. Die genaue Ursache des Problems werde noch untersucht, heißt es lapidar. Man darf gespannt sein, welche Erkenntnisse diese Untersuchung zutage fördern wird – und ob daraus tatsächlich Konsequenzen gezogen werden.
Eines steht fest: In einer Welt, in der Cyberbedrohungen täglich zunehmen und hybride Kriegsführung längst Realität ist, kann sich Deutschland solche Pannen schlichtweg nicht leisten. Die Bürger erwarten zu Recht, dass ihre gewählten Vertreter über eine funktionierende Infrastruktur verfügen – und zwar eine, die nicht beim ersten Ansturm in die Knie geht.
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