
Der Bachelor, der angeblich nicht existierte: Wie eine Kampagne gegen Ulrich Siegmund in sich zusammenfiel
Es sind Geschichten wie diese, die tiefer blicken lassen als jede Sonntagsrede ĂŒber Medienvertrauen. Wochenlang wurde ĂŒber den Bildungsweg des AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, spekuliert. Ein erfundener Abschluss? Ein Politiker, der seine Vita frisiert? Nun hat die EuropĂ€ische Fernhochschule Hamburg auf Anfrage erklĂ€rt, was den Empörungsmotor ins Stottern bringt: Siegmund hat dort studiert â und sein Studium erfolgreich beendet.
Die Hochschule spricht, das GerĂŒcht schweigt
Ein Sprecher der Euro-FH bestĂ€tigte, dass die von Siegmund selbst gemachten Angaben zutrĂ€fen. Der Studiengang habe âBetriebswirtschaftslehre & Wirtschaftspsychologie" gelautet, abgeschlossen mit dem Bachelor of Arts. Damit ist auch der zentrale Vorwurf entkrĂ€ftet, mit dem unter anderem die Bild-Zeitung operierte: Auf der heutigen Website der Hochschule sei fĂŒr diesen Studiengang gar kein Bachelor of Arts, sondern nur ein Bachelor of Science ausgewiesen.
Die ErklĂ€rung ist so banal, dass man sich fragt, warum niemand vorher zum Telefon griff. Der Studiengang existiere seit 2009, sei seither weiterentwickelt worden und werde heute als Bachelor of Science angeboten. Die ursprĂŒngliche Variante mit dem B.A. â jene, die unter anderem 2016 gĂŒltig gewesen sei â tauche auf der aktuellen Seite deshalb nicht mehr auf.
Wer eine Hochschulwebsite von 2026 als Beweismittel fĂŒr einen Abschluss von 2016 heranzieht, betreibt keinen Journalismus, sondern Indizienbastelei.
Wie aus Schweigen ein Skandal gebastelt wurde
Der Ursprung des Ganzen ist bemerkenswert dĂŒnn. Siegmund hatte rund drei Wochen lang eine Frage nach seiner Hochschule unbeantwortet gelassen â gestellt auf einer Plattform, deren Nutzung freiwillig sei und die selbst einrĂ€ume, nicht jede Frage freizuschalten. Seit 2024 antworte der Politiker dort grundsĂ€tzlich nicht mehr. Aus dieser Nichtantwort wurde ein Verdacht, aus dem Verdacht eine ErzĂ€hlung, aus der ErzĂ€hlung eine Kampagne.
Erst nachdem das Zeugnis auftauchte und veröffentlicht wurde, verlagerte sich die Debatte auf die Frage, ob der Abschluss ĂŒberhaupt so heiĂen dĂŒrfe, wie er heiĂt. Ein Muster, das viele BĂŒrger inzwischen kennen: Wenn der Vorwurf platzt, wird nachgeladen â bis irgendetwas hĂ€ngen bleibt.
Die eigentliche Frage stellt niemand
Interessant ist, mit welcher Akribie hier ein Fernstudium aus dem vergangenen Jahrzehnt durchleuchtet wurde â wĂ€hrend bei anderen politischen LebenslĂ€ufen erstaunliche Milde herrscht. Man erinnere sich an all die Karrieren, in denen der Weg von der Parteijugend direkt ins Ministerium fĂŒhrte, ohne jemals eine Lohnabrechnung aus der Privatwirtschaft gesehen zu haben. Da fragte selten jemand nach Urkunden.
Und hier liegt der eigentliche Punkt: Nicht der Abschluss macht den Politiker, sondern das Ergebnis seiner Arbeit. Ein Land, das seit Jahren wirtschaftlich stagniert, dessen Industrie abwandert, dessen InnenstĂ€dte unsicherer werden â dieses Land hat kein Diplom-Defizit, sondern ein Kompetenz- und Haltungsdefizit. Zeugnisse hĂ€ngen genug an den WĂ€nden der Berliner Ministerien.
Vertrauen ist die hÀrtere WÀhrung
Der Fall Siegmund ist deshalb weniger eine Personalie als ein LehrstĂŒck. Wenn Medien einen Verdacht schneller verbreiten als sie ihn prĂŒfen, zahlen sie mit dem einzigen Kapital, das sie besitzen: GlaubwĂŒrdigkeit. Und die lĂ€sst sich, anders als Reichweite, nicht kurzfristig einkaufen.
Am Ende steht die schlichte Erkenntnis: Eine Anfrage bei der Hochschule hĂ€tte gereicht. Sie kam nur von der falschen Seite â jener, die man ohnehin nicht hören wollte. Dass ein GroĂteil der BĂŒrger diesem Betrieb zunehmend misstraut, ist keine Verschwörungstheorie, sondern eine nachvollziehbare Reaktion. Wer Vertrauen zurĂŒckgewinnen will, muss zuerst wieder recherchieren, bevor er richtet.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt eine journalistisch-meinungsbetonte Einordnung der uns vorliegenden Informationen dar. Er beinhaltet keine Rechtsberatung. FĂŒr eigene rechtliche Bewertungen empfehlen wir die eigenstĂ€ndige PrĂŒfung sowie gegebenenfalls die Konsultation eines Rechtsanwalts.
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