
Der Mann, der 2008 kommen sah, wettet erneut gegen die Party: „Wir stehen nahe einem großen Top"

Es gibt Stimmen an der Wall Street, die man getrost überhören kann. Und es gibt Michael Burry. Jener Investor, der 2007 gegen den amerikanischen Immobilienmarkt wettete, als sämtliche Ratingagenturen, Notenbanker und Bankvorstände noch von „soliden Fundamentaldaten" schwadronierten, meldet sich erneut zu Wort – und er meldet sich nicht mit einem Achselzucken, sondern mit einer Warnung, die es in sich hat.
In einem Beitrag auf seinem Substack erklärte Burry am Dienstag, er halte es weiterhin für möglich, dass sich die Märkte nahe einem bedeutenden Hochpunkt befänden – und dass ein Absturz nach dem Muster des Jahres 1987 im Bereich des Denkbaren liege. Gleichzeitig räumte er ein, dass neue Rekordstände beim S&P 500 vermutlich frisches Kapital in den Markt spülen würden. Man könnte es so übersetzen: Die Musik spielt noch, aber der Saal hat nur eine Tür.
Rekordjagd auf Pump
Die Zahlen des Handelstages lesen sich zunächst wie eine Erfolgsmeldung. Der S&P 500 legte um 1,9 Prozent zu und markierte den ersten Rekordschluss seit Juni. Der technologielastige Nasdaq Composite schoss um 2,7 Prozent nach oben und summierte allein in den ersten beiden Wochentagen ein Plus von annähernd fünf Prozent. Getrieben wurde die Rally von Unternehmensergebnissen, die besser ausfielen als erwartet, sowie von einem weiteren Rückgang der Ölpreise – genährt von der Hoffnung, die Straße von Hormus könne wieder für den Schiffsverkehr geöffnet werden.
Doch genau hier setzt Burrys Kritik an. Denn was viele Anleger für gesunde Kursgewinne halten, sei in Wahrheit ein sich selbst verstärkender Mechanismus. Fallende Volatilität, so seine Argumentation, zwinge sogenannte Vol-Targeting-Fonds regelrecht dazu, ihren Hebel hochzufahren. Momentum-Strategien springen auf denselben Zug auf. Das Ergebnis: Kurse steigen, weil Kurse steigen. Ein Perpetuum mobile – bis es eben stehenbleibt.
Der Markt steigt bei sinkender Volatilität, was volatilitätsgesteuerte Fonds zwingt, den Hebel zu erhöhen – und weitere Hebelwirkung aus anderen Momentum-Strategien ins Spiel bringt.
Die KI-Blase und ihre kreativen Finanzierungen
Besonders scharf geht Burry seit Monaten mit dem Boom rund um künstliche Intelligenz ins Gericht. Seine These: Die vermeintlich explodierende Nachfrage nach KI-Infrastruktur werde durch Finanzierungskonstruktionen befeuert, die sich als nicht tragfähig erweisen könnten. Wer sich an die verschachtelten Kreditpakete des Jahres 2007 erinnert, dürfte bei dieser Formulierung ein leichtes Frösteln verspüren. Damals hieß es CDO, heute heißt es eben Rechenzentrums-Leasing und zirkuläre Beteiligungen zwischen Chipherstellern und ihren eigenen Kunden.
Entsprechend hält Burry an seinen Short-Positionen fest. Betroffen sind unter anderem der iShares Semiconductor ETF, Micron, Nvidia, Caterpillar, Palantir, Tesla und Applied Materials. Sämtliche dieser Wetten seien derzeit im Plus – mit Ausnahme jener gegen Nvidia. Sollte sich der Markt entschieden gegen ihn stellen, werde er Verluste begrenzen, kündigte er an. Und dann folgt ein Satz, den man Anlegern in Deutschland gerne ins Stammbuch schreiben würde:
Shorten ist nicht für jeden. Ich muss shorten. Die meisten sollten es nicht.
Warum das auch deutsche Sparer angeht
Man könnte einwenden, das alles sei ein amerikanisches Problem. Ein Irrtum. Die deutschen Fondsdepots, die Altersvorsorgeprodukte, die von der Politik als Allheilmittel gepriesenen ETF-Sparpläne – sie alle hängen am Tropf der US-Technologiewerte. Wer heute einen MSCI-World-ETF besitzt, hält faktisch ein amerikanisches Technologieportfolio mit europäischer Beimischung. Von Streuung kann kaum die Rede sein.
Und während in Berlin die neue Große Koalition ein 500-Milliarden-Sondervermögen durch die Bücher schiebt und gleichzeitig die Klimaneutralität ins Grundgesetz gemeißelt hat, stellt sich die unbequeme Frage: Womit genau soll der deutsche Bürger eigentlich noch Vermögen sichern? Mit Staatsanleihen eines Landes, das seine Schuldenbremse längst zur Dekoration degradiert hat? Mit Immobilien, deren Bewirtschaftung durch Heizungsvorschriften und Mietregulierung zunehmend zum Verlustgeschäft mutiert? Oder doch mit Aktienpaketen, deren Bewertungen nach Ansicht eines der treffsichersten Skeptiker der Finanzgeschichte in luftigen Höhen schweben?
1987 – eine unbequeme Erinnerung
Der Verweis auf den Oktober 1987 ist bewusst gewählt. Damals brach der Dow Jones an einem einzigen Handelstag um mehr als 22 Prozent ein, ohne dass ein konkreter Auslöser identifizierbar gewesen wäre. Schuld waren computergesteuerte Verkaufsprogramme, sogenannte Portfolio-Versicherungen, die genau das taten, was Burry heute beschreibt: Sie verstärkten die Bewegung, statt sie abzufedern. Nur dass die Algorithmen von 1987 im Vergleich zu heutigen Systemen wie Rechenschieber wirken.
Ob Burry recht behält, weiß niemand. Er selbst formuliert im Konjunktiv, spricht von Möglichkeiten, nicht von Gewissheiten. Doch wer einmal gegen den Konsens der gesamten Finanzwelt recht behalten hat, verdient zumindest ein aufmerksames Ohr. Physische Edelmetalle, außerhalb des Bankensystems verwahrt, kennen weder Vol-Targeting noch Margin Calls noch quartalsweise Gewinnwarnungen. Sie sind kein Renditeversprechen, sondern eine Versicherung – und Versicherungen schließt man bekanntlich ab, bevor es brennt.
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