
Der Messias von Niederrad: Jürgen Klopp soll retten, was die deutsche Fehlpolitik im Fußball zerstört hat

Es sind Bilder, die Deutschland in diesen Tagen gierig aufsaugt wie einen letzten Rettungsanker. Ein breit grinsender Jürgen Klopp, energiegeladen, wortgewaltig, mit dieser typischen Mischung aus Pathos und Bodenständigkeit, die ihn seit Jahren zur Kultfigur gemacht hat. Der Deutsche Fußball-Bund hat den 59-Jährigen zum 13. Bundestrainer der Verbandsgeschichte ernannt – und schon bei seiner Vorstellung in Frankfurt versprühte der frühere Erfolgscoach von Mainz, Dortmund und Liverpool jene Aufbruchstimmung, die dem darbenden Nationalteam seit Jahren so schmerzlich fehlt.
„Jeden Stein umdrehen“ – ein Satz, der weit über den Fußball hinausreicht
„Meine Hauptaufgabe ist es, der Nationalmannschaft zu helfen“, verkündete Klopp. Und dafür müsse man, so seine Worte, „ganz viele Dinge ändern und jeden Stein umdrehen“. Gutes wisse er über die aktuelle Situation kaum zu berichten. Ein bemerkenswert ehrliches Statement in einem Land, in dem man das schonungslose Benennen von Missständen sonst gerne vermeidet – ganz gleich, ob es um den Fußball oder um weitaus gewichtigere Themen geht.
Denn seien wir ehrlich: Die Krise der deutschen Nationalmannschaft ist längst mehr als eine sportliche Randnotiz. Drei aufeinanderfolgende WM-Desaster, zuletzt das blamable Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay, spiegeln in gewisser Weise den Zustand eines Landes wider, das seine einstige Spitzenposition in vielen Bereichen leichtfertig verspielt hat.
„Ich habe dreimal erlebt, wie erfolgreicher Fußball eine Stadt verändert. Ich bin überzeugt, dass er auch ein Land verändern kann.“ – Jürgen Klopp
Leidenschaft statt Larmoyanz
Was Klopp da fordert, klingt fast wie eine Kampfansage an die verweichlichte Mentalität, die dem einstigen Turniergiganten in den letzten Jahren abhandengekommen ist. „Ein bisschen intensiver hätte es sein können“, kommentierte er die deutschen Auftritte trocken. Und mit einem verschmitzten Grinsen fügte er hinzu: „Mehr zu investieren, hilft auch!“ Ein Satz, den sich so mancher Verantwortliche in diesem Land einmal hinter die Ohren schreiben dürfte.
Klopp will mutigen, attraktiven Fußball. Er will Spieler, die „Gas geben“, die „Riesenbock“ haben. An der Viererkette will er festhalten, die Flügel stärken, dort sieht er die „modernen Spielmacher“. 57 Namen habe er sich notiert – spielen werde jedoch nur, wer wirklich liefere. Leistung statt Anspruchsdenken: eine Haltung, die in Deutschland leider viel zu selten geworden ist.
Ein Star kommt selten allein
Rund sieben Millionen Euro Jahresgehalt soll dem gebürtigen Stuttgarter das Amt versüßen. Dazu musste der DFB für die Vertragsauflösung mit Red Bull nicht nur eine Million Euro an die dem Getränkekonzern nahestehende Stiftung zahlen, sondern auch drei Länderspiele in Leipzig zusichern. Klopp bringt zudem ein ganzes Team mit: die Assistenten Pepijn Lijnders, Peter Krawietz und Sven Bender sowie den umtriebigen Berater Marc Kosicke als „Co-Trainer für Strategie, Entwicklung, Innovation“. DFB-Präsident Bernd Neuendorf räumte offen ein, Klopp sei „nur im Paket“ zu haben gewesen.
Vom Titeltraum und der bitteren Realität
Bis zur WM 2030 läuft der Kontrakt. Und ja, den Titeltraum spielte Klopp öffentlich durch: „Sind wir so gut wie Frankreich? Nein! Haben wir Spieler wie Frankreich? Nein! Aber schlagen können wir sie trotzdem.“ Zugleich mahnte er zur Nüchternheit: „Erfolg ist Leistung in Relation zur Erwartungshaltung.“ Ein kluger Satz von einem Mann, der weiß, dass große Versprechen leicht ausgesprochen und schwer eingelöst sind.
Man wünscht sich fast, dass diese Mischung aus Ehrgeiz, Ehrlichkeit und Tatendrang auch in anderen Bereichen unseres Landes Einzug halten würde. Doch während der Fußball nun auf einen charismatischen Anführer setzt, der Missstände klar benennt und Verbesserung einfordert, bleibt zu hoffen, dass diese Energie irgendwann auch auf jene überspringt, die andernorts Verantwortung tragen. Die erste Bewährungsprobe kommt bereits im September in der Nations League – gegen die Niederlande, Griechenland und Serbien.
Immerhin: Der Parkplatz in Niederrad ist schon reserviert. Ob am Ende auch die WM-Trophäe folgt, wird sich zeigen. Aber selten hat man dem deutschen Fußball so sehr gewünscht, dass jemand tatsächlich jeden Stein umdreht.
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