
Energiewende am Tropf: Billigstrom versprochen, Dauerreparatur geliefert!

Die Energiewende sollte Strom sauber und dauerhaft billig machen. Stattdessen zahlen deutsche Haushalte im ersten Halbjahr 2026 im Schnitt 37,97 Cent je Kilowattstunde und damit 16,4 Prozent mehr als Anfang 2021. Der Staat legt derweil eine Stütze nach der anderen nach: Netzzuschüsse, Reservekraftwerke und jetzt auch noch einen eigenen Kapazitätsmarkt.
Dabei klang alles einmal ganz anders. Ex-Kanzler Olaf Scholz sagte 2023, der weitere Ausbau der Erneuerbaren werde die Strompreise „dauerhaft und strukturell“ senken. Sein damaliger Wirtschaftsminister Robert Habeck versprach eine „Zukunft mit niedrigen erneuerbaren Strompreisen und ohne Subventionen“. Drei Jahre später ist davon wenig übrig.
Viel Sonne, viel Wind und trotzdem eine Lücke
Wind und Solar haben im ersten Halbjahr 2026 zusammen fast die Hälfte des in Deutschland erzeugten Stroms geliefert. Klingt nach Erfolg. Das Problem ist nur: Wenn tagelang kein Wind weht und kaum Sonne scheint, hilft eine gute Jahresbilanz niemandem. Die gefürchtete Dunkelflaute fragt nicht nach Statistik.
Deshalb schreibt der Bund nun sogenannte Langzeitkapazitäten aus. Allein im September ging es um 4,5 Gigawatt reduzierte Leistung. Wer den Zuschlag bekommt, wird 15 Jahre lang dafür bezahlt, dass er Leistung bereithält. Der Staat baut damit einen zusätzlichen Markt auf, weil der bestehende Strommarkt genug gesicherte Leistung offenbar nicht von allein hervorbringt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nannte die Kraft-Wärme-Kopplung im September einen „unverzichtbaren Baustein“ für Zeiten, in denen Wind und Sonne zu wenig liefern.
Wasserstoff: Große Ziele, wenig Anlagen
Eigentlich sollte grüner Wasserstoff das Speicherproblem lösen. Nach Angaben des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) waren Anfang 2026 aber nur rund 180 Megawatt Elektrolyseleistung in Betrieb. Ziel für 2030 sind zehn Gigawatt, also mehr als das Fünfzigfache.
Mehr als drei Gigawatt geplanter Kapazität hatten im Frühjahr noch keine endgültige Investitionsentscheidung. Dazu kommt, dass die geplante Reform der Netzentgelte Wasserstoff noch teurer machen könnte. Ob Investoren unter diesen Bedingungen Milliarden einsetzen, ist fraglich.
Batterien helfen nur für ein paar Stunden
Batteriespeicher gelten als nächster Hoffnungsträger. Das Fraunhofer ISE hat für 20 Gigawatt Leistung und 40 Gigawattstunden Kapazität spürbare Effekte simuliert. Bei voller Leistung reicht das allerdings nur für zwei Stunden. Gegen kurze Preisspitzen hilft das. Gegen eine Dunkelflaute über mehrere Tage nicht.
Jetzt soll sich die Industrie nach dem Wetter richten
Die neueste Idee: Der Verbrauch soll sich nach der Erzeugung richten. Fabriken sollen ihre Produktion verschieben, Elektroautos und Wärmepumpen sollen auf Preissignale reagieren. McKinsey schätzt das Flexibilitätspotenzial der Industrie auf fünf bis sieben Gigawatt. Aktiv prüfen solche Lastverschiebungen aber nur etwa ein Drittel der befragten Unternehmen.
Das hat Gründe. Ein Hochofen, eine Chemieanlage, eine Papiermaschine oder ein Rechenzentrum lässt sich nicht nach dem Wetterbericht an- und abschalten. Aus Sicht unserer Redaktion zeigt sich hier, wie weit die Politik von der Wirklichkeit des Industriestandorts Deutschland entfernt ist.
Die Rechnung zahlt der Bürger
Laut Statistischem Bundesamt ist der jüngste Rückgang der Strompreise auch darauf zurückzuführen, dass der Bund die Netzentgelte bezuschusst. Billiger wird der Strom dadurch nicht, die Kosten landen nur auf einer anderen Rechnung: Was nicht auf der Stromrechnung steht, bezahlen die Bürger über ihre Steuern. Das Netzengpassmanagement kostete 2025 rund 3,08 Milliarden Euro, davon 955 Millionen Euro allein für das Bereithalten von Reservekraftwerken.
Die Liste der Nachbesserungen wird damit immer länger:
- Netzausbau und Netzzuschüsse
- Reservekraftwerke
- Wasserstoff
- Batteriespeicher
- Laststeuerung
- Kapazitätsmarkt
Jede dieser Stützen löst nur einen Teil des Problems, und jede kostet Geld. Die Verbraucher bezahlen damit längst nicht mehr nur den Strom selbst, sondern auch das Netz aus Notlösungen, das die Versorgung absichern soll. Kritiker sehen darin das Kernproblem der deutschen Energiepolitik: Man hat erst entschieden und erst danach nachgerechnet.
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