
Eskalation in Südasien: Pakistan erklärt Taliban-Regime den offenen Krieg
Was sich seit Monaten wie ein schwelender Grenzkonflikt anfühlte, ist nun in offene Feindseligkeiten umgeschlagen. Pakistan hat der Taliban-Regierung in Afghanistan den Krieg erklärt – und die pakistanische Luftwaffe bombardiert Ziele in Kabul und Kandahar. Die Welt blickt auf einen Pulverfass, das jederzeit eine ganze Region in Brand setzen könnte.
Bomben auf Kabul: Die Geduld Islamabads ist erschöpft
„Unsere Geduld ist am Ende. Jetzt herrscht offener Krieg zwischen uns und euch", erklärte der pakistanische Verteidigungsminister Khawaja Asif am Freitag auf der Plattform X. Worte, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten von lauten Explosionen und Schussgeräuschen über einen Zeitraum von mehr als zwei Stunden in der afghanischen Hauptstadt. Auch im südafghanischen Kandahar – dem Machtzentrum des Taliban-Anführers Hibatullah Achundsada – seien Flugzeuggeräusche wahrgenommen worden.
Pakistans Informationsminister Attaullah Tarar bestätigte Angriffe auf Ziele in Kabul, Kandahar und der Provinz Paktia. Der Innenminister Mohsin Naqvi sprach von einer „angemessenen Reaktion" auf die „offene Aggression" der Taliban. Die Taliban-Regierung bestätigte die Angriffe ihrerseits, behauptete jedoch durch ihren Sprecher Sabihullah Mudschahid, es habe keine Verletzten gegeben – eine Darstellung, die angesichts mehrstündiger Bombardements zumindest Zweifel aufwirft.
Eine Spirale der Gewalt mit langer Vorgeschichte
Der unmittelbare Auslöser der Eskalation war ein verheerender Bombenanschlag auf eine schiitische Moschee in Islamabad vor rund zwei Wochen. 31 Menschen starben, mehr als 160 wurden verletzt. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat reklamierte die Tat für sich. Doch Pakistan macht die Taliban mitverantwortlich – sie würden nicht gegen militante Gruppierungen vorgehen, die von afghanischem Boden aus Anschläge im Nachbarland verüben.
Bereits am Donnerstag hatten die afghanischen Streitkräfte eine „breit angelegte" Offensive gegen pakistanische Militäreinrichtungen im Grenzgebiet gestartet. Die Taliban-Regierung sprach davon, 15 Außenposten der pakistanischen Armee eingenommen und „Dutzende" Soldaten getötet zu haben. Auf afghanischer Seite seien acht Kämpfer gefallen. Pakistan wiederum warf den Taliban „unprovozierte" Angriffe in der Grenzprovinz Khyber Pakhtunkhwa vor.
Zivilisten als tragische Opfer
Wie so oft in derartigen Konflikten trifft es die Schwächsten am härtesten. Bereits bei nächtlichen Luftangriffen der pakistanischen Armee im Grenzgebiet am vergangenen Wochenende wurden nach Angaben der UN-Vertretung in Afghanistan mindestens 13 Zivilisten getötet. Die Taliban sprachen sogar von 18 Toten und wiesen pakistanische Behauptungen zurück, wonach 80 afghanische Kämpfer eliminiert worden seien.
Ein Konflikt mit globalem Sprengstoff
Die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern befinden sich seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 im freien Fall. Bereits im vergangenen Oktober forderten einwöchige Kämpfe im Grenzgebiet mehr als 70 Menschenleben. Eine unter Vermittlung Katars und der Türkei vereinbarte Waffenruhe brachte nur vorübergehend Entspannung – eine dauerhafte Lösung scheiterte in mehreren Verhandlungsrunden.
Was diese Eskalation besonders brisant macht: Pakistan ist eine Atommacht. Ein unkontrollierter Flächenbrand in der Region hätte unabsehbare Konsequenzen – nicht nur für Südasien, sondern für die gesamte Weltordnung. Dass ausgerechnet jetzt, da die geopolitischen Spannungen ohnehin auf einem historischen Höchststand sind – vom Ukraine-Krieg über den Nahost-Konflikt bis hin zu den transatlantischen Verwerfungen durch Trumps Zollpolitik –, ein weiterer Krisenherd aufbricht, sollte auch in Berlin die Alarmglocken schrillen lassen.
Für Deutschland und Europa stellt sich einmal mehr die Frage, welche Konsequenzen ein solcher Konflikt für die ohnehin angespannte Migrationslage haben könnte. Afghanistan ist bereits jetzt eines der Hauptherkunftsländer von Asylsuchenden. Ein offener Krieg zwischen Pakistan und Afghanistan dürfte neue Flüchtlingsströme auslösen – und Europa wäre, wie so oft in den vergangenen Jahren, denkbar schlecht darauf vorbereitet. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz täte gut daran, diese Entwicklung nicht nur als fernes Auslandsthema abzutun, sondern frühzeitig die richtigen Schlüsse zu ziehen.
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