
Flaute auf hoher See: 23.000 Jobs in der Offshore-Industrie wackeln!

In Deutschland ist seit zwei Jahren kein einziger neuer Offshore-Windpark mehr auf den Weg gebracht worden. Medienberichten zufolge stehen deshalb rund 23.000 Arbeitsplätze bei Zulieferern auf dem Spiel. Die Auftragsbücher vieler Betriebe sind leer. Branchenkenner fürchten, dass der Tiefpunkt noch gar nicht erreicht ist.
Der Tag, an dem keiner bieten wollte
Der 1. August 2025 ist so etwas wie der schwarze Tag der Branche. Bis dahin konnten Unternehmen bei der Bundesnetzagentur Gebote für die Nordsee-Flächen N-10.1 und N-10.2 abgeben, zusammen 2,5 Gigawatt Leistung. Eingegangen ist kein einziges Gebot. Das gab es in der Geschichte der deutschen Offshore-Ausschreibungen noch nie.
Angekündigt hatte sich das Debakel schon vorher. Bei der Auktion für die Fläche N-9.4 im Juni 2025 traten nach Angaben der Stiftung Offshore-Windenergie nur zwei Bieter an. Der Zuschlag lag bei 180.000 Euro pro Megawatt und damit mehr als 80 Prozent unter dem Niveau von 2023.
Berlin tritt auf die Bremse
Statt gegenzusteuern, legte die Bundesregierung den Rückwärtsgang ein. Das Kabinett beschloss am 28. Januar 2026, die für 2026 geplanten Ausschreibungen für zentral voruntersuchte Flächen auf 2027 zu verschieben. Begründet wird das mit Verzögerungen bei der Fertigung von Konverterplattformen, also den Umspannstationen auf hoher See, die den Strom an Land bringen.
Offiziell soll das Ausbauziel von mindestens 70 Gigawatt bis 2045 davon nicht berührt sein. Ein ganzes Jahr ohne Auktionen, aber keine Folgen für das Ziel? Für die Zulieferer, deren Hallen gerade leer stehen, dürfte das wenig tröstlich klingen.
Konstruktionsfehler im Auktionssystem
Die Verbände sehen die Ursache tiefer. Bisher mussten Investoren bieten, wie viel sie für das Recht zahlen, eine Fläche zu bebauen. Eine Obergrenze gab es nicht, ebenso wenig einen Schutz vor fallenden Strompreisen. Dazu kamen hohe Inflation, gestörte Lieferketten und deutlich teurere Kredite. Am Ende rechnete sich das Geschäft schlicht nicht mehr.
Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie, wählte deutliche Worte:
„Die Warnungen aus der Praxis wurden ignoriert, das Ergebnis ist bekannt."
Auch die Stiftung Offshore-Windenergie wertete die geplatzte Auktion als Alarmsignal. Das „laute Schweigen des Marktes" sei ein klares Zeichen gegen das bisherige Ausschreibungsdesign, hieß es dort.
Rettung durch Preisgarantien?
Die Branche fordert sogenannte Differenzverträge. Dabei garantiert der Staat einen festen Strompreis. Liegt der Marktpreis darunter, gleicht er die Differenz aus. Liegt er darüber, fließt Geld zurück. Die EU schreibt solche Modelle im Rahmen ihrer Strommarktreform ohnehin für Verträge ab dem 17. Juli 2027 vor. Der Entwurf der WindSeeG-Novelle sieht sie bislang aber nur als nachrangige zweite Stufe vor.
Wer am Ende das Risiko trägt, wird gern verschwiegen: Fällt der Strompreis, zahlen über kurz oder lang Stromkunden oder Steuerzahler.
Ein Industriezweig in Gefahr
Was hier auf dem Spiel steht, ist erheblich. Laut einer Studie des Bundesverbands Windenergie Offshore hängen in Deutschland mehr als 31.000 Vollzeitstellen und 14,6 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung an der Branche. Sollten tatsächlich 23.000 Jobs wegfallen, bliebe davon kaum etwas übrig.
Das Muster ist bekannt. Die Politik schreibt sich ehrgeizige Ziele ins Gesetz, die Klimaneutralität bis 2045 steht inzwischen sogar im Grundgesetz. Die Bedingungen, unter denen Unternehmen tatsächlich investieren können, bleiben dagegen unklar oder ändern sich ständig. Nach diesem Stop-and-go-Prinzip ging bereits ein großer Teil der deutschen Solarindustrie verloren.
Industrie braucht Planungssicherheit über Jahre und keine Kurswechsel im Halbjahrestakt. Schafft die Regierung Merz das nicht, könnte aus einer Flaute auf See ein Kahlschlag an Land werden.
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