
Flaute auf hoher See: Offshore-Wind droht der 550-Milliarden-Absturz

Die deutsche Offshore-Windbranche schlägt Alarm. Eine Studie, die der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) am Donnerstag vorgestellt hat, rechnet vor, dass bei einem dauerhaft schwachen Ausbau bis 2045 rund 550 Milliarden Euro Umsatz und mehr als 22.000 Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Dazu kommt: Seit über einem Jahr hat die Bundesnetzagentur keine einzige neue Fläche in der Nordsee vergeben.
Großes Ziel im Gesetz, wenig Bewegung auf See
Erstellt hat die Untersuchung ein Marktforschungsinstitut, und zwar für ein Krisenszenario. Darin stünden bis 2045 nur 34 Gigawatt Offshore-Leistung bereit. Das Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG) verspricht dagegen 70 Gigawatt. Am Ende stünde also gerade einmal die Hälfte dessen, was die Politik festgeschrieben hat.
Die Zahlen dazu sind deutlich. 2025 setzte die Branche einschließlich der Exporte rund 14,6 Milliarden Euro um. Im Krisenfall könnte der Jahresumsatz bis 2030 auf etwa acht Milliarden Euro fallen und bis 2045 auf vier Milliarden. Im positiven Szenario wären es dagegen 20 Milliarden Euro im Jahr 2030 und 57 Milliarden im Jahr 2045.
Jobs bis tief ins Binnenland betroffen
Heute arbeiten rund 31.530 Vollzeitkräfte in der deutschen Offshore-Windindustrie. Im Krisenszenario blieben laut Studie bis 2045 nur noch etwa 9.000 übrig. Betroffen wären nicht nur die Häfen an der Küste, sondern auch Zulieferer, Fabriken und Mittelständler im ganzen Land. Die tatsächlichen Verluste könnten deshalb noch höher ausfallen.
Ein Auktionssystem, das sich selbst ausbremst
Den Zuschlag erhielt zuletzt im Juni 2025 ein Unternehmen für die Fläche N-9.4. Seitdem hat die Bundesnetzagentur nichts mehr vergeben. Als Hauptgrund gilt das Ausschreibungsdesign. Bei Flächen, die nicht zentral voruntersucht wurden, gewinnt zunächst der Bieter, der am wenigsten Förderung braucht. Bieten mehrere null Cent, startet ein dynamisches Verfahren über mehrere Runden. Dann bekommt den Zuschlag, wer am meisten für die Fläche zahlt.
Dem Staat hat das zunächst viel Geld gebracht. Im Sommer 2023 kamen bei einer einzigen Runde Rekordgebote von rund 12,6 Milliarden Euro zusammen. Ob sich die Parks danach wirtschaftlich betreiben lassen, garantiert das Verfahren aber nicht. Kritiker sehen darin ein Lehrstück: Der Staat habe Meeresflächen versteigert wie Luxusimmobilien und müsse sich nun nicht wundern, wenn bei gestiegenen Kosten niemand mehr kaufen will.
Genau das passierte im August 2025. Für die Flächen N-10.1 mit 2.000 Megawatt und N-10.2 mit 500 Megawatt ging kein einziges Gebot ein. Sie hätten 2030 beziehungsweise 2031 ans Netz gehen sollen.
„Die ausgebliebenen Gebote bei den Ausschreibungen 2025 waren ein deutliches Warnsignal.“
So äußerte sich BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm in einer Stellungnahme.
Berlin bessert nach, der Bürger zahlt
Die schwarz-rote Bundesregierung will gegensteuern. Das Kabinett hat eine Novelle des WindSeeG beschlossen, die der Bundestag inzwischen berät. Fachmedien zufolge soll sie den Ausbau ab 2035 auf einen Korridor von drei Gigawatt pro Jahr festlegen. Thimm fordert, das Gesetz müsse die „Investitionsbedingungen verbessern, Kostenrisiken begrenzen und gefährdete Projekte schnell zurück in den Ausschreibungskreislauf bringen“. Nur so lasse sich Wertschöpfung in Deutschland halten.
Der Fall zeigt ein bekanntes Muster: Die Politik schreibt ehrgeizige Gigawatt-Ziele ins Gesetz, setzt aber Rahmenbedingungen, die Investoren abschrecken. Gebessert wird erst, wenn es schon brennt. Offen bleibt die Frage, die für Millionen Haushalte am wichtigsten ist: Wer trägt am Ende die Kosten der Reparatur? Wenn es neue Garantien oder Förderungen gibt, landen sie erfahrungsgemäß bei Stromkunden und Steuerzahlern. Und die zahlen schon heute einige der höchsten Strompreise Europas.
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