
Gründerväter gegen Multikulti? Der erbitterte US-Streit um Amerikas Erbe

In den USA tobt ein Kulturkampf um die Deutungshoheit über die eigene Geschichte. Ein viel gelesener Meinungsbeitrag auf einem bekannten US-Finanzportal behauptet, die Gründerväter hätten Multikulturalismus niemals geduldet. Der Text erscheint, während Donald Trumps Einwanderungspolitik die Migrationszahlen auf historische Tiefstände drückt.
Im Kern geht es um eine Frage, die auch Deutschland umtreibt: Ist eine Nation ein offener Marktplatz für alle oder eine Gemeinschaft mit eigener Kultur und eigenen Regeln?
Was im Jahr 1790 wirklich galt
Gegen das romantische Bild vom „Schmelztiegel“ führt der Autor ein historisches Argument ins Feld. Das erste Einbürgerungsgesetz der jungen Republik, der Naturalization Act von 1790, öffnete den Weg zur Staatsbürgerschaft nur für „freie weiße Personen“ von gutem Charakter. Diese Rassenschranke fiel erst 1952 mit dem Immigration and Nationality Act.
Ein Ruhmesblatt ist das nicht. Die Klausel schloss Sklaven und Ureinwohner ausdrücklich aus und ist nach heutigen Maßstäben zu Recht unhaltbar. Der Hinweis zeigt allerdings, dass die Gründer keine Grenzenlosigkeit im Sinn hatten. Der Begriff „Melting Pot“ stammt übrigens aus einem Theaterstück von 1908 und entstand erst über ein Jahrhundert nach der Staatsgründung.
1965: Die stille Revolution
Den eigentlichen Wendepunkt sieht der Beitrag im Hart-Celler Act von 1965 unter Präsident Lyndon B. Johnson. Das Gesetz schaffte die Herkunftsquoten aus den 1920er-Jahren ab, die europäische Einwanderer klar bevorzugt hatten. An ihre Stelle trat ein System, das vor allem den Familiennachzug begünstigte.
Die Folgen sind messbar. Dem Beitrag zufolge stammten 1960 rund 84 Prozent der im Ausland Geborenen aus Europa oder Kanada, 1980 nur noch 42 Prozent, heute etwa 13 Prozent. Laut dem Migration Policy Institute fiel der Anteil der Zuwanderer an der Bevölkerung 1970 auf ein Rekordtief von 4,7 Prozent und erreichte 2024 mit 14,8 Prozent wieder den Höchststand von 1890.
Trumps Kehrtwende in Zahlen
Seit Januar 2025 hat Washington den Kurs radikal geändert. Nach Schätzungen verzeichneten die USA im Jahr 2025 erstmals seit Jahrzehnten eine negative Nettomigration, es zogen also mehr Menschen weg als zu. Die illegalen Grenzübertritte lagen nach Angaben der Regierung auf dem niedrigsten Stand seit den 1970er-Jahren.
Laut dem Pew Research Center schrumpfte die im Ausland geborene Bevölkerung allein im ersten Halbjahr 2025 um mehr als eine Million Menschen. Ökonomen warnen jedoch vor Lücken am Arbeitsmarkt. Der Preis der Kehrtwende ist also umstritten.
Wo der Essay die Grenze überschreitet
So bedenkenswert der historische Teil ist, an vielen Stellen kippt der Text. Der Autor wittert einen globalistischen Masterplan, mit dem westliche Nationen gezielt aufgelöst werden sollten. Ganzen Weltregionen schreibt er eine Kultur des „Plünderns“ zu. Solche Pauschalurteile halten keiner seriösen Prüfung stand. Sie schaden außerdem einer berechtigten Debatte, weil sie ihren Gegnern Munition liefern.
Kritik an politischen Entscheidungen ist legitim. Sie sollte sich an Gesetze, Regierungen und Fehlanreize richten, nicht pauschal an Menschen wegen ihrer Herkunft.
Die Lehre für Deutschland
Für Deutschland ist die Debatte keineswegs exotisch. Nach Eurostat-Daten lebten Anfang 2025 rund 17,2 Millionen im Ausland geborene Menschen in der Bundesrepublik. Das sind 20,5 Prozent der Bevölkerung und mehr als in fast jedem anderen großen EU-Staat.
Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der amerikanische Streit vor allem eines: Ein Staat muss selbst entscheiden, wen er aufnimmt, und er muss Integration einfordern, statt nur auf sie zu hoffen. Die Regierung Merz ist mit dem Versprechen einer Migrationswende angetreten. Ob sie ihren Worten Taten folgen lässt, werden die Bürger an den Zahlen messen, nicht an Pressekonferenzen.

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